Auszüge aus der Polizeichronik Sarstedt
- 1853 bestimmte Ruthes Königsamt über Sarstedt
- Trunkenheit kostete Bürgervorsteher sein Amt
- Kinder vor der Ehe: Magistrat verbot die Hochzeit
- 1866 übernahm Preußen die Regierungsgewalt
- Zwei Jahre lang wüteten in Sarstedt die "schwarzen Blattern"
- Sechs Monate Gefängnis für SPD-Werbung
- Politische Versammlungen für Frauen verboten
- 1890 erste gewerkschaftliche Betätigung in Sarstedt
- Mit Bandmaß auf Jagd nach Verkehrssündern
- Unwetter, Hochwasser und Explosion im Kali-Schacht
- 500 Sarstedter zogen mitten aus der Ernte in den Krieg
- Hunger, Not und Tollwutgefahr in Sarstedt
- Fahnenschmuck für heimkehrende Soldaten
- Eine Million Mark für die Ergreifung von Obstdieben
- Hochwasser richten verheerende Schäden an
- 1929 war ganz Sarstedt eine Tempo-15-Zone
- Beim Terror der Nazis sahen die Polizisten weg
- Feuer, Seuchen und technische Neuerungen
- Presse im Würgegriff: Nazis verbieten Zeitung
- Nazis verlegen Ämter und Firmen nach Sarstedt
- US-Panzer rollen in die zerschossene Stadt
- Eisenbahner Knoke wird in Sarstedt zum Held
- Nicht nur Uniformen waren Mangelware
- Nach Kriegsende blühte der Schwarzhandel
- Sarstedt wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten
Ich hoffe, dass ich alle Tippfehler meinerseits mittlerweile gefunden und beseitigt habe...
1853 bestimmte Ruthes Königsamt über Sarstedt
Das neue Verfassungsstatut der Stadt Sarstedt vom 13. Oktober 1853 befaßte sich im Bereich seiner 75 Paragraphen auch mit der Zuständigkeit für die Ausübung der Polizeigewalt. Die Berufung eines Polizei-Serganten war aber zunächst nicht vorgesehen.
Anordnungen und Verfügungen an die Stadt Sarstedt ergingen seinerzeit vom königlichen Amt in Ruthe. So bemängelte man am 21. Februar 1853, daß von der Stadt Sarstedt die Aufrechterhaltung des Verkehrs zwischen den Orten nicht gewährleistet wurde. "Zur schleunigen Herstellung des Verkehrs auf der Chaussee zwischen den Orten bei dem stattfindenden Schneefalle ist eine Nothilfe erforderlich. Der Magistrat der Stadt Sarstedt möge deshalb unverzüglich und sofort 40 Handdienste befehligen, welche unter Anleitung des Chausseewärters Wolters vom Hülfersberge die notwendigen helferischen Maßnahmen zu ergreifen hätten."
Am 1. Mai 1853 wurde dann die Eisenbahnstrecke Hannover - Sarstedt - Elze - Alfeld eröffnet. Laut Überlieferung wurden seinerzeit vom königlichen Amt in Ruthe nochmals Überlegungen angestellt, eine schärfere polizeiliche Überwachung des Amtsbereiches einzuführen.
Jeder Bürger, der zu der Zeit einen Ortswechsel vornehmen wollte, mußte eine behördliche Genehmigung beantragen. 14. Februar 1854 wurde somit dem Weber Ernst Zierenberg aus Höxter vom hiesigen Magistrat das Bürgerrecht erteilt, nachdem er zuvor einen Entlassungsschein als preußischer Untertan beigebracht hatte und seine "Auswanderung" nach dem Königreich Hannover von der preußischen Regierung genehmigt worden war.
Im Jahre 1854 herrschte daselbst große Not, so daß die Ortsarmen regelmäßig mit "speislichen" Gaben bedacht werden mußten.
Die umherziehenden, lästigen Händler bedrängten das honorige Publikum zu der Zeit sehr. So lehnte am 30. September 1854 die königlich hannoversche Landdrostei den Antrag des Israeliten Wolf Moses und Ehefrau auf Konzessionierung des Hausiererhandels mit Band, Zwirn und ähnlichen Gegenständen ab.
Am 25. Oktober 1854 ließ Bürgermeister Wiesenhaven folgende Bekanntmachung veröffentlichen: "Vom 1 . November 1854 wird infolge desfallsiger höherer Verfügung der königlichen Landdrostei Hildesheim das bisher am Ostertore und Holztore erhobene Wege- und Brückengeld nicht mehr kassiert." Der Magistrat erhielt von der königlichen Landdrostei Hildesheim einen Ausgleichsbetrag von jährlich 40 Taler.
Gerade durch die wegen des Bahnbaues mögliche großzügigere Beweglichkeit unliebsamer Zeitgenossen und Querulanten, müßte eine strengere und gezielte Überwachung solchiger Subjekte möglich sein. Zunächst wurde aber weiterhin die polizeilichen Belange vom Ratsdiener der Stadt Sarstedt vertreten. Nach dem Etat vom Jahre 1853 hatte die Stadt an wesentlichen Einnahmen: 357 Taler Schäfereirente; 190 Taler Ratskellerpacht, 310 Taler Wochengeld und Osterzins sowie 80 Taler Bürgergewinnungsgelder. Dem standen folgende Ausgaben gegenüber: 95 Taler Rechnungsführergehalt, 50 Taler für den Ratsdiener; 600 Taler für Instandhaltung der Gemeindewege, Straßen und Brücken und 40 Taler Prozeßkosten. Die Gesamteinnahmen beliefen sich auf 2701 Taler, die Ausgaben auf 2452 Taler. Der Bürgermeister hieß Wiesenhaven.
Am 24. Dezember 1853 wurde bei Ruthe die neue Leinebrücke dem Verkehr übergeben. Das königliche Amt Ruthe bat in einem Aufruf die den bis dahin den Verkehr regelnde Fähre zum Verkauf an.
Die derzeitig vorhandene Neigung der Bürger zu dilettantischen Theateraufführungen war auch hierzulande verspürbar. So erhielt der Gesellenverein in Sarstedt am 14. Dezember 1854 die Genehmigung, am Neujahrstage eine dramatische Vorstellung geben zu dürfen. Das aufzuführende Stück mußte vorher infolge besonderer Ermächtigung dem Magistrat zur Zensur vorgelegt werden. Zur Unterbindung jeglicher bürgerlicher Aufmüpfigkeit erfolgte eine scharfe polizeiliche Überwachung.
Trunkenheit kostete Bürgervorsteher sein Amt
Um einer Entheiligung des Sonntags zu begegnen, verfügte das königliche Ministerium des Innern am 21. Februar 1855, daß Jahrmärkte in Zukunft sonntags nicht mehr abgehalten werden dürfen. Der Magistrat beschloß, die Jahrmärkte ab 1855 montags abzuhalten. Es fanden zu dieser Zeit in Sarstedt jährlich drei Jahrmärkte und ein Schweinemarkt statt, die ziemliche Bedeutung hatten und gute Umsätze erzielten.
Die besondere Lage der Stadt Sarstedt zwischen den Metropolen Hannover und Hildesheim brachte dahier einen emsigen Wander- und Fahrzeugverkehr, so daß neben den ehrlichen Kauf- und Handelsleuten auch oftmals liederliches Volk erschien und den Bürgersleuten durch vielschichtige Dieberei und sonstigem Unwesen Schaden zufügte.
Deshalb ergeht am 29. November 1855 nach Genehmigung durch den königlichen Minister des Innern von der königlichen Landdrostei in Hildesheim folgende Weisung an die Stadt Sarstedt und 23 umliegende Orte: "Mit sofortiger Wirkung wird in Sarstedt eine Landgendarmerie-Station errichtet, welchige mit zwei Fußgendarmen zu besetzen ist. Die Stadt Sarstedt und die unserem Amtsbereich angehörigen 23 umliegenden Ortschaften haben anteilmäßig zu den Quartierungskosten, Wohn- und Verpflegungskosten einen angemessenen Zuschuß zu zahlen."
Die Preise für Lebensmittel waren 1855 nach einer amtlichen Feststellung folgende: 1/2 kg Weizenmehl acht Pfennig; Roggen- und Gerstenmehl sechs Pfennig; Buchweizengrütze, Gersten- , Graupen- und Hafergrütze 1 gGr.; Butter 3 gGr.; Speck 3 gGr., 4 Pfennig; Schmalz 4 gGr. ; geräucherter Schinken 3 gGr.; geräucherte Mettwurst 4 gGr., geräucherte Blut- oder Rotwurst 2 Gr., Schweinefleisch 2 gGr., 8 Pfennig; Ochsenzungen das Stück 4 gGr.; Fische á ½ kg 1 gGr.; Heringe á Stück sechs Pfennig; Salz 50 Kilo ein Taler; ein Schock Handkäse 10 gGr. ein Schafskäse (375 g) Nach einer Verfügung vom 11. Januar 1856 wurden die Brotpreise wie folgt amtlich festgesetzt: vier Pfund schweres, grobes, sogenanntes Kommisbrot 4 gGr., vier Pfennig; drei Pfund, vier Lot schweres Roggenbrot 4 gGr.; fünf Pfund Sauerbrot (Roggen mit Zusatz) 4 gGr.; 18 Lot Weißbrot 1 gGr.
Aus einer am 22. März 1856 ausgestellten Arbeitsbescheinigung für einen hiesigen umgelernten Arbeiter geht hervor, daß er in der Woche drei Taler (neun Mark) verdiente.
Die beiden Fußgendarmen nahmen ihre Tätigkeit sehr genau und ließen auch bei den honorigen Herren der Stadt nichts durchgehen. Im März 1856 mußten sie gegen einen zur nächtlichen Zeit randalierenden Bürger vorgehen. Es stellte sich heraus, daß es sich hierbei um den Bürgervorsteher Tischlermeister H. Westphale handelte, der volltrunken singend und randalierend durch die Straßen zog.
Schon am 7. April 1856 fand gegen selbrigen vor dem Polizeigericht in Hildesheim die Verhandlung statt. Der Tischlermeister H. Westphale wurden wegen "Trunkbefälligkeit mit Ärgernis" zu fünf Talem Geldstrafe verurteilt. Daraufhin mußte er sein Amt als Bürgervorsteher niederlegen.
Auch der Nachtwächter Heinrich Tölke wurde volltrunken im Dienst angetroffen. Der Magistrat kündigte Heinrich Tölke daraufhin am 6. August 1856 wegen der "Einnahme berauschender Getränke bei Ausübung des Dienstes" das Dienstverhältnis auf.
Kinder vor der Ehe: Magistrat verbot die Hochzeit
Der Nachfolger des Heinrich Tölke wurde am 20. November 1856 der Nachtwächter Conrad Oppermann. Er mußte folgenden Diensteid ablegen: "Ich gelobe, daß ich in den mir übertragenen Nachtwächterdienst getreu und fleißig erweisen, die bestimmten Stunden des Nachts die Straßen durchgehen werde und die Zeit nach Vorschrift verkünden, auch mich vor und bei Ausübung des Dienstes aller berauschenden Getränke, insbesondere des Branntweins enthalten, auch nächtliche Diebereien und Unordnungen sowie auf verdächtige Leute aufmerksam sein und dieses alles anzeigen, bei Feuergefahr sofort die Nachbarn wach machen und den Ratsherrn und die Feueraufseher davon benachrichtigen, auch wenn ich nach 11 Uhr abends noch Türen, Pforten und Torwege offen finde, solches dem Hauswirt oder dessen Gesinde anzeigen und überhaupt alle mit dem Dienst verbundenen Geschäfte so verrichten will, wie es einem ordentlichen Nachtwächter gebührt."
Gesetzübertretungen wurden zu der Zeit streng geahndet. So lehnte das königliche Amt Ruthe am 6. April 1857 ein Gesuch des Schlossergesellen Heinrich Nötel zu Sarstedt zwecks Zulassung zur Meisterprüfung mit der Begründung ab, daß er mehrfach wegen krimineller Vergehen vorbestraft und immer wieder rückfällig geworden sei.
Etwa im November 1857 waren dann die ersten Versuche der Arbeiterschaft festzustellen, sich politisch zu organisieren.
Diese Unternehmungen wurden aber strengstens unterdrückt und alle Versammlungen und Veranstaltungen polizeilich überwacht.
Noch 1858 war jede Eheschließung von der Bewilligung eines Heiratsscheines und der Gewinnung des Bürgerrechts abhängig. Waren diese Voraussetzungen nicht erfüllt, wurde keine Traugenehmigung erteilt. Der Bräutigam mußte außerdem mindestens 25 Jahre alt sein und nachweisen können, daß er unbescholten war und eine Familie ernähren konnte. In vielen Fällen mußte die Heiratserlaubnis wegen Nichterfüllung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen versagt werden.
23. September herrschte reges Leben in den Straßen der Stadt Sarstedt. Fünf Tage lang waren 758 Offiziere und Soldaten mit 17 Pferden hier einquartiert. Die Quartiere waren schon vorher ausgemacht und die betroffenen Bürger in einer sogenannten Einquartierungsrolle erfaßt.
Bei den Offizieren und Soldaten handelte es sich um das Grenadier-Garde-Bataillon der Großherzoglichen Mecklenburgischen Infanterie.
Brot, Fleisch, Fourage und Branntwein wurden für die Truppen aus dem Magazin in Nordstemmen empfangen und abgeholt. Es herrschte eine strenge Disziplin vor, so daß Übergriffe mit nachfolgendem polizeilichen Tätigwerden nicht bekannt wurden.
Ende 1858 erhielt ganz Sarstedt neue Hausnummern-Schilder. Gemäß Verfügung des königlichen Amtes Ruthe vom 23. Dezember 1858 hatte der Magistrat eine neue Häuserliste von Sarstedt aufzustellen. Die Hausbesitzer waren verpflichtet, bei Vermeidung fünf Talern Strafe innerhalb von vier Wochen Blechschilder mit den neuen Hausnummem vor ihren Haustüren anzubringen. Die Bürger folgten dieser Verfügung umgehend, so daß polizeilicherseits kein Grund zur Anzeigenerstattung gegeben war.
Am 3. Juni 1859 schlug bei einem Gewitter ein Blitz in das Hauptgebäude des Bahnhofs Sarstedt ein, wobei erheblicher Sachschaden entstand.
Auch der sogenannte liederliche Lebenswandel wurde in der sehr ehrpusseligen Zeit scharf unter die Lupe genommen. So lehnte der Magistrat der Stadt Sarstedt am 28. Februar 1860 die nachgesuchte Heiratsgenehmigung des Dienstknechtes Heinrich Immendorf mit der Begründung eines zu reichen Kindersegens ab. Seine Braut hatte schon vor der Verheiratung zwei Kinder und erwartete das dritte.
1866 übernahm Preußen die Regierungsgewalt
Am 1. Mai meldete sich der Johann Dreyer aus Sarstedt bei Magistrat und Polizei zurück. Er war 1852 wegen einer schweren Körperverletzung mit tödlichem Ausgang zu acht Jahren Zuchthaus ersten Grades verurteilt worden und hatte die Strafe in der Strafanstalt in Stade verübt.
Das Verfassungsstatut der Stadt Sarstedt vom Jahre 1852 wurde am 3. September 1860 einer Revision unterzogen und in der neuen Fassung von der Aufsichtsbehörde genehmigt.
Ende 1860 wurde der Stadtrechnungsführer Dettmar von der Polizei verhaftet. Ihm konnten Veruntreuungen nachgewiesen werden. Sein Amt mußte er unverzüglich zur Verfügung stellen.
Schwierigkeiten bereiteten der Polizei zu der Zeit die Unterbringung von Geisteskranken. Diese Schwierigkeiten waren im ganzen Königreich Hannover vorzufinden.
Deshalb wurde landesweit eine Sammlung veranstaltet, die dem Ausbau der Idiotenanstalt in Langenhagen bei Hannover dienen sollte. Am 25. November 1861 sammelte man auch in Sarstedt. Es wurden 12 Taler, 11 gGr. und fünf Pfennig gespendet. Im Juni 1862 dem Magistrat die polizeilichen Feststellungen zur Kenntnis, daß fünf hiesigen Bäckermeister die Weiß- und Schwarzbrote zu leicht und daß das Gewicht in keinem Verhältnis zu den Preisen stehe. Der Magistrat richtete daraufhin am 26. Juni 1862 ein Zirkular an die Bäcker und forderte unter Anordnung von Zwangsmaßnahmen die sofortige Anpassung an Preise und Gewichte.
Landstreicherei wurde zu der Zeit mit Gefängnis und Werkhausstrafen geahndet. Solche Strafen erhielt am 12. Juni 1866 ein. 29jähriger Nagelschmiedsgeselle aus Gehrden, der von der Polizei in Sarstedt aufgegriffen wurde.
Am 17. Juni 1866 rückten infolge des Krieges von 1866 die ersten preußischen Truppen in Hannover ein.
In Sarstedt wurde gerade Freischießen gefeiert, als am 19. Juni 1866 die erste Schwadron preußischer Truppen mit 156 Reitern und 160 Pferden in unserer Stadt erschien. Einen Tag vorher, am 18. Juni 1866, hatte das königliche hannoversche Amt in Hildesheim die letzte Verfügung an den hiesigen Magistrat gerichtet. Sie lautete: "Da am 9. Juli 1866 die herrschaftliche Brennholzflöße beginnt, veranlassen wir den löblichen Magistrat, dafür Sorge zu tragen, daß vom 7. Juli Leine im dortigen Stadtbezirk allen Bauhölzern und Dielen und sonstigen Behinderungen freigehalten wird." Der Befehl dürfte nicht mehr zur Ausführung gekommen sein, denn in zwischen hatten die Preußen die Regierungsgewalt übernommen. Am 7. Oktober 1866 wurde mit dem übrigen Königreich Hannover auch Sarstedt wieder ein Teil des preußischen Staates und zwar auf Grund des unglücklichen Ausgangs des hannoversch-preußischen Krieges.
Durch allerhöchste Kabinettorder wurde am 13. Oktober 1866 für das Gebiet des ehemaligen Königsreichs Hannover die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die wehrdienstpf1ichtigen ehemaligen Hannoveraner mußten preußische Soldaten werden. Aus den Unterlagen ist nicht zu ersehen, was mit den beiden Landgendarmen geschah. Sie finden auch keine Erwähnung mehr.
Im Februar 1867 brachen bei den Fastnachtsbelustigungen in Sarstedt große Unruhen aus. Zur Wiederherstellung der Ordnung mußte Militär in Stärke von 150 aus Hildesheim eingesetzt werden. Das Restkommando von 50 Mann konnte erst nach sechs Wochen in die Garnison zurückkehren.
Zwei Jahre lang wüteten in Sarstedt die "schwarzen Blattern"
Am 12. August 1867 wurde dem Zündholzfabrikanten Franz Nülsen die polizeiliche Genehmigung zum Bau einer Streichholzfabrik erteilt. Es ist nicht mehr ersichtlich, von welcher Polizei die Genehmigung erteilt wurde.
Am 3. Dezember 1867 beklagte sich der Pächter der städtischen Ostertorwirtschaft, Gastwirt Heinrich Stolle, darüber, daß er jede Nacht zehn bis zwölf fremde Personen beherbergen müsse, worunter sich viele Ausländer, namentlich polnische Juden, befanden.
Am 13. März 1868 wurden elf Sarstedter Einwohner, ausnahmslos junge Handwerker, verhaftet und später wegen Teilnahme am Aufruhr am Fastnachtstage zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sonntagsarbeiten waren zu der Zeit streng verboten und wurden nur in seltenen Fällen auf schriftlichen Antrag gestattet. So wurde am 12. Dezember 1869 dem Mühlenbesitzer Malzfeldt das Mahlen während des Gottesdienstes für die beiden Sonntage und den Bettag vor Weihnachten vom Kreishauptmann erlaubt. Durch Polizeiverordnung vom 13. Mai 1870 wurde allen Lehrlingen der Besuch der Gewerbeschule in Sarstedt zur Pflicht gemacht.
Am 19. Juli 1870 erklärte Napoleon Deutschland den Krieg. Auch in Sarstedt wurden alle wehrfähigen Männer zu den Waffen gerufen.
Im August 1870 mußte die Stadt eine größere Anzahl ausführen und die dazu Gespanne zur Verfügung stellen, wofür die Militärverwaltung Zahlung leistete. Durch eine Verfügung des Kreishauptmanns vom 8. August 1870 wurde an die Ehefrauen beziehungsweise Eltern von 14 am Krieg teilnehmenden Sarstedter Soldaten laufende Unterstützungen bezahlt, die unterschiedlich in jedem einzelnen Falle nach der Bedürftigkeit festgesetzt wurden und sehr gering waren.
Am 18. Juni 1871 fand aus Anlaß des glücklichen Ausgangs des deutsch-französischen Krieges in Sarstedt eine große Friedensfeier statt, die zusammen mit dem Freischießen veranstaltet wurde. Aus gleichem Anlaß wurden zwei Friedenseichen gepflanzt.
Am 9. September 1871 wurde für den Umfang der Stadt Sarstedt eine Polizeiverordnung über die Sauberhaltung der Straßen und Plätze und der öffentlichen Brunnen erlassen.
Es hatte sich in Sarstedt die schlechte Gewohnheit eingebürgert, daß die Handwerker und Geschäftsleute einen Teil ihrer Waren über Nacht vor ihren Geschäftslokalen stehen ließen und die Straße für ihre geschäftlichen Reklamezwecke benutzten. Der Magistrat mußte gegen diese Unsitte einschreiten, zumal immer mehr eine Gefahrenquelle für den Verkehr dadurch entstand. So erhielt am 14. Oktober 1871 auch der Schlossermeister Voss, Hahnenstein, eine Aufforderung von Bürgermeister von Linsingen, die vor seinem Geschäftshaus lagernden Waren zu entfernen.
Am 10. Mai 1872 stattete der Oberpräsident der Provinz Hannover der Stadt Sarstedt einen offiziellen Besuch ab.
Von 1870 bis 1872 hatte die Sarstedter Bevölkerung unter der schwarzen Blattern-Epidemie sehr zu leiden. Die ansteckenden schwarzen Blattern, ärztlich Varioleiden, amtlich Kuhpocken genannt , forderten bei hunderten von Erkrankungsfällen zahlreiche Todesopfer, obwohl alle Schutzmaßnahmen wie Impfungen und Anbringung, von Warntafeln vor jedem Hause, in dem die Krankheit auftrat, getroffen waren.
Am 4. Januar 1873 mußte die Stadt an den Amtsvoigt Brandes in Hildesheim einen Beitrag von 84 Talern für die Amtsnebenanlage in Sarstedt zahlen, wozu am 4. Juli des gleichen Jahres ein nochmaliger Betrag von 37 Talern kam. Diese Umlage mußte in gleicher Höhe alljährlich geleistet werden.
Sechs Monate Gefängnis für SPD-Werbung
Das Gericht hielt in Sarstedt regelmäßig Gerichtstermine ab. Auch ein Obergerichtsvollzieher war in Sarstedt stationiert, desgleichen zwei Zollbeamte. Polizeibeamte werden in der Chronik nicht erwähnt. Wegen Entziehung von der Militärpflicht wurden zwei Sarstedter Einwohner am 18. Mai 1876 zu je einem Monat Gefängnis verurteilt.
Am 31 . August 1879 trat Bürgermeister Steinweden nach nur fünfjähriger Amtszeit in den Ruhestand. Der am 30. Juli 1879 gewählte Bürgermeister Wilhelm Kücke trat am 1. September 1879 seinen Dienst als Stadtoberhaupt an.
Dem städtischen Ausrufer wurden am 4 . Dezember 1879 für jede hiesige Bekanntmachung 40 Pfennig und für jede auswärtige Verlautbarung 50 Pfennig bewilligt.
Der uniformierte Ausrufer hatte eine Glocke mit und rief nach vorherigem gehörigen Läuten an allen Straßenecken und Plätzen der Stadt die öffentlichen Bekanntmachungen aus. Da es noch keine andere Nachrichtenübermittlung in Sarstedt gab, stürzten alle Menschen beim Ertönen der Glocke an die Fenster oder auf die Straße, um sich die amtlichen Neuigkeiten der Stadt nicht entgehen zu lassen. Am 1. April 1880 wurde ein Feld- und Forstpolizeigesetz erlassen, das unter anderem auch dem städtischen Feldhüter bei seiner Amtstätigkeit als Richtschnur galt.
Das bislang größte Hochwasser in der Geschichte der Stadt erlebte Sarstedt im Jahre 1880. Damals zeigte der Innerste-Pegel in Heinde nach einem in Sarstedt eingegangenen Hochwasser-Telegramm den vorher nie erreichten Höchststand von 3,23 Meter an. Ländereien und Wiesen rund um Sarstedt waren tagelang überschwemmt. Das Wasser drang auch in verschiedene Stadtteile ein. Viele Keller und Stallungen liefen voll. Der Schaden war sehr groß.
Bürgermeister Kücke berichtete in einem Schreiben vom 15. Februar 1881, daß in den letzten Jahren eine erhebliche Vergrößerung der Stadt durch eine verhältnismäßig große Zahl neuer Wohnhäuser entstanden ist.
Demzufolge nahm der Magistrat auch eine Änderung der Einteilung der Stadtteile bei Wahlen vor.
Die Neubautätigkeit war im Holztorviertel am größten. Sie war mit bedingt durch das Aufblühen der Vosswerke. Dieses Werk konnte den Betrieb immer mehr vergrößern und mußte demzufolge auch von außerhalb immer mehr Arbeitskräfte heranziehen, die kaum wohnungsmäßig in Sarstedt unterzubringen waren. Dadurch war eine Wohnungsknappheit entstanden, die zu einer verstärkten Neubautätigkeit zwang. Sarstedt begann, sich aus einem Ackerstädtchen in einen Industrieort zu verwandeln.
Am 29. Mai 1882 wurde eine männliche Leiche an einem Baum hängend im Wenderbusch aufgefunden. Es handelte sich um einen 27jährigen Kaufmann aus Stendal, der an Schwermut litt.
In einem Bericht vom 7. Februar 1884 wurde über eine große Sperlingsplage in Sarstedt geklagt. Es wurden zur Bekämpfung der Plage Prämien ausgesetzt. Für jeden abgelieferten Spatzenkopf bezahlte die Stadt einen Pfennig.
Am 11. Juli 1884 verurteilte das Landgericht Hannover den Handelsmann Ernst Buermann aus Sarstedt wegen Verbreitung sozialdemokratischer Schriften zu sechs Monaten Gefängnis. Der aus dem gleichen Grunde angeklagte Arbeiter August Schenkemeyer kam mit 20 Mark Geldstrafe davon.
Im Jahre 1885 wurde die Brücke über den Dickebast im Zuge der Holztorstraße neu gebaut, nachdem die Vorarbeiten und Verhandlungen dazu schon seit dem Jahre 1856, also nahezu 30 Jahre, betrieben waren. Nur zur Anbringung eines neuen Brückengeländers war es im Jahre 1868 gekommen und auch dieses nur deswegen, weil ein auswärtiger Reisender über die Brüstung gefallen war.
Der Sarstedter Polizeichef Günter Frickmann, der die Chronik fortsetzt, hatte die Aufzeichnungen Rolffs Nachfolgerin Margarete Schaper zugeordnet. Er mußte sich allerdings auf Vermutungen verlassen. Denn einen Hinweis auf den Verfasser gibt es nicht.
Die Veröffentlichung der Auszüge im "Sarstedter Anzeiger" weckte nun bei Stadtarchivarin Ruth Höftmann den Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Wissenschaftlerin wurde fündig. "Der Text gleicht oft genau der Chronik der Stadt für die Jahre 1853 bis 1949", hat Höftmann herausgefunden. Und jene stammt aus der Feder Albert Rolffs, der von 1925 bis 1951 als Schriftleiter in den Dienstes des "Kreisanzeigers" stand.
Nach Höftmanns Recherchen hat Rolff von 1947 bis 1951 an dem Werk geschrieben, das wesentlich umfangreicher als die Polizei-Chronik ist. Die Stadt zahlte ihm 2240 Mark Honorar. Ganz falsch habe Frickmann jedoch vielleicht nicht gelegen, meint Höftmann: "Es kann durchaus sein, daß Margarete Schaper die Polizeiaufzeichnungen zusammengestellt hat. Aber eben auf Grundlage der Stadt-Chronik."
Politische Versammlungen für Frauen verboten
Am 10. Februar 1885 wurden 44 Einwohner aus Sarstedt vom Landgericht Hildesheim wegen Lotterie-Vergehens zu je drei Mark Geldstrafe beziehungsweise einen Tag Gefängnis verurteilt. Sie hatten Lose von einer Lotterie gekauft, die in Preußen nicht zugelassen beziehungsweise verboten war.
Am 10. September 1885 wurden neun Einwohner aus Sarstedt vom Amtsgericht Hildesheim wegen Forstdiebstahls zu je sechs Mark Geldstrafe beziehungsweise zwei Tagen Gefängnis verurteilt.
Nach der Volkszählung am 1. Dezember 1885 hatte Sarstedt 2455 Einwohner, davon 1302 männlich und 1153 weiblich. Es waren 495 Haushaltungen und 272 Häuser vorhanden.
Auch in Sarstedt wurde nach und nach das Polizeistrafrecht vom 23. April 1883 eingeführt. So heißt es dort unter anderem: "Die Ortspolizeibehörden dürfen - ausnahmsweise der Landrat oder der Regierungspräsident - wegen verübter im Reichsstrafgesetzbuch oder in anderen Gesetzen und in Polizeiverordnungen bezeichneten Übertretungen mit Geldstrafen bis zu 30 Mark oder Haft bis zu drei Tagen sowie Einziehung konfiszierter Gegenstände vorgehen.
Das Polizeistrafrecht erstreckt sich auch auf Beschuldigte im Alter von zwölf bis 18 Jahren. Die Rechtskraft einer polizeilichen Strafverfügung tritt nach Ablauf einer Woche nach der Zustellung ein. Bis dahin steht dem Beschuldigten der Antrag auf gerichtliche Entscheidung in Gemäßheit der Strafprozeßordnung zu."
Majestätsbeleidigung wurde früher streng bestraft. So wurde am 8. Januar 1886 der Schlosser Theodor Fuhse aus Sarstedt wegen Majestätsbeleidigung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.
Der von den städtischen Kollegien als Ratsdiener der Stadt Sarstedt am 19. Oktober 1886 gewählte Weber Heinrich Bartels wurde am 27. Oktober 1886 vom Landrat durch Ablegung des vorgeschriebenen Eides verpflichtet. Er erhielt ein Gehalt von jährlich 385 Mark und freie Benutzung eines städtischen Gartens.
Frauen durften an politischen Versammlungen nicht teilnehmen. Jede Versammlung wurde polizeilich überwacht und sofort geschlossen, wenn man gegen die bestehenden strengen Bestimmungen verstieß.
Am 4. Februar 1888 wurden vom Amtsgericht Hildesheim vier Sarstedter Kaufleute zu Geldstrafen verurteilt, weil sie unbefugten Kleinhandel mit Branntwein betrieben hatten. Ein fünfter Kaufmann erhielt Strafe wegen befugter Schankwirtschaft. Am 13. Oktober 1888 erschien die erste Nummer der "Sarstedter Zeitung", die von Druckereibesitzer C. H . W . Meyer gründet und herausgegeben wurde.
In der Sitzung der städtischen Kollegien vom 25. Februar 1890 wurde die Anstellung des ersten städtischen Polizeibeamten beschlossen. Die Wahl fiel auf den Verpflegungsstationsvorsteher Hermann Krome.
Als einziges Uniformstück erhielt er eine Dienstmütze, die er selbst bezahlen mußte. Er führte die Dienstbezeichnung "Hilfspolizeidiener". Als Gehalt erhielt er anfänglich jährlich 200 Mark. Hermann Krome arbeitete sich schnell in sein neues Amt ein und war bald aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.
Er konnte besonders gut mit den Frauensleuten umgehen. Zu der Zeit machten besonders fünf Sarstedter Frauen, sogenannte Originale, von sich reden. Das war die Dreschmaschinen-Garde, die seinerzeit den Bauern von Sarstedt und Umgebung in Walterings Mühle beim Dreschen half. Baxmanns Dreschmaschine war zur Erntezeit täglich in Betrieb .
1890 erste gewerkschaftliche Betätigung in Sarstedt
Die Dreschmaschinen-Garde half seinerzeit den Bauern von Sarstedt und Umgebung in Walterings Mühle beim Dreschen. Die Dreschmaschine war zur Erntezeit täglich in Betrieb. Die Bauern, die hier ihr Getreide droschen, entrichteten beim Eigentümer der Maschine ihren Obolus; mit den Frauen, die beim Dreschen halfen, mußten die Bauern persönlich abrechnen. Es waren jahrelang dieselben, die ein robustes Gespann bildeten: die Oppermännsche, die Jürgenssche, die Fettesche, die Schnusesche und die Reckebeilsche.
Sie hatten das Kommando; ihnen mußten sich alle fügen, die zum Dreschen nach Sarstedt kamen. Sie arbeiteten von früh bis spät an der Maschine, fleißig unermüdlich - "zähe Robusters". Und wenn die Erntezeit vorbei war, wenn nur noch ab und zu das Gesumm der Dreschmaschine erklang, standen sie wohl mal an der Innerste-Brücke oder an der Ecke Neustadt und klönten ihrer fünfe zusammen. Wenn dann Ratswachtmeister Krome des Weges kam und sah die fünf beisammenstehn und traschen, weil gerade nicht maschint wurde, pflegte er in barschem Ton zu schelten: "Jei hebbet woll nix to daane, scheret jück an'n Kochpott!"
Aber die Drescherinnen waren beileibe nicht auf den Mund gefallen und gaben es ihm deftig zurück. So entstand manches lustige und originelle Streitgespräch. Der Aberglauben war damals noch weit verbreitet. Hier tat sich der Ratswachtmeister Krome beim Erzählen schauriger Geschichten immer besonders hervor.
Die zwölf Nächte vom ersten Weihnachtstag bis zum 6. Januar waren die Geister- und Totenzeit. Dann jagte der wilde Jäger durch die Lüfte.
Keine Hausfrau durfte die Wäsche haben oder gar die gewaschenen Stücke zum Trocknen auf die Leine hängen. Es würde ihrer Familie im kommenden Jahr Unglück bringen.
Zu vermerken ist, daß 1890 zum ersten Male eine gewerkschaftliche Betätigung in Sarstedt festzustellen war.
Von auswärts zugezogene Arbeiter legten den Grundstock für diese Gewerkschaftsbewegung. Man tat sich aber recht schwer, denn alle politischen und gewerkschaftlichen Versammlungen wurden polizeilich streng überwacht.
Ende 1892 bracht in der Lumpensortieranstalt von Tischbein in der Eulenstraße ein großes Feuer aus. Zwölf Sortiererinnen konnten erst im letzten Augenblick fast unbekleidet aus den brennenden Räumen gerettet werden.
Bei der Reichstagswahl am 15. Juni 1893 wurden in Sarstedt von 598 Wahlberechtigten 509 Stimmen abgegeben. Davon erhielten die Nationalliberalen 152, Welfen und Zentrum 106, Sozialdemokraten 192 Stimmen. Der Rest entfiel auf Splitterparteien. Damit war erstmalig seit Bestehen die SPD die in Sarstedt am stärksten vertretene Partei.
Der Landrat gestattete dem Zimmermeister Lüke am 25. Juli 1893 an der Innerste bei Sarstedt einen Ankleideraum für Badegäste zu erbauen. Der Ho1zbau mußte jeden Winter wieder aus dem Überschwemmungsgebiet entfernt werden. Mit dieser Badekabine wurde in Sarstedt der Anfang des Freibades gemacht. Auf die ordnungsgemäße Badekleidung wurde polizeilicherseits streng geachtet.
Die städtischen Kollegien beschlossen und erließen am 20. November 1893 ein Ortsstatut über die Straßenreinigung, wonach jeder Hausbesitzer verpflichtet war, wöchentlich zweimal mittwochs und sonnabends, die Straßen zu kehren.
Nordhäuser Kornbranntwein wurde im Jahre 1893 von Sarstedter Geschäften gleich gebindeweise mit neun bis 20 Litern Inhalt angeboten. Der Preis pro Liter betrug 63 Pfennig, der Schnapsverbrauch war in Sarstedt neben dem Volksgetränk Bier, das in eigener städtischer Brauerei hergestellt wurde, ganz erheblich.
Mit Bandmaß auf Jagd nach Verkehrssündern
Der Ordnungshüter, zu dessen Ausrüstung ein selbstgebasteltes drei Meter langes Bandmaß gehörte, hatte einige Bestimmungen in seinem persönlichen Notizbuch vermerkt: "Die Köpfe der Radnägel an den Fuhrwerken dürfen nicht hervorstehen. Der Beschlag muß eine gerade Fläche bilden und soll an Last- und Frachtfuhrwerken eine Breite von mindestens fünf Zentimeter (cm) haben. Ausgenommen sind die Fuhrwerke, deren Gesamtgewicht einschließlich Ladung nicht mehr als 1000 Kilogramm (kg) beträgt.
Die Ladung darf nicht über neun Fuß (2,83 Meter) breit sein. Das Spurfahren ist verboten (1,50 Mark). Das zulässige Ladungsgewicht beträgt einer Radfelgenbreite von fünf bis sechseinhalb Zentimeter 2000 kg, sechseinhalb bis zehn Zentimeter 2500 kg, zehn bis 15 Zentimeter 5000 kg, 15 und drüber 7500 kg.
Ladungen über 7500 kg dürfen nur geteilt und mit Genehmigung der Straßenverwaltung befördert werden. Die Führer der die Kunststraßen befahrenden Last- und Frachtfuhrwerke sind verpflichtet, den Gendarmen auf Erfordern das Gewicht der Ladung anzugeben und glaubhaft nachzuweisen.
Normen für Hufeisen
Können oder wollen sie diesen Nachweis nicht führen, so sind sie verpflichtet, in Begleitung des Beamteten ihr Fuhrwerk bis zum nächsten in der Richtung ihrer Reise liegenden Ort zu fahren, wo die notwendige Ermittlung vorgenommen werden kann.
Die Stollen der Hufeisen der Zugtiere dürfen nicht länger als zweidrittel Zoll (17 mm) sein. In der Zeit vom 1. November bis 1. April dürfen sie ein Zoll (26 mm) lang sein. Der Führer eines Fuhrwerks darf sich von demselben, wenn er anhält, nicht über fünf Schritte entfernen, ohne die Pferde abzusträngen."
Zuwiderhandlungen wurden mit einer Mark Strafe geahndet. Hier kassierte Wachtmeister Krome oft vor der Gaststätte "Zum Zoll'n", wenn die Fuhrknechte schnell im Vorbeifahren einen Branntwein zu sich nahmen und die Pferde nicht abgesträngt hatten.
Als im Jahre 1893 Metallarbeiter der Vosswerke eine organisierte Versammlung abgehalten hatten, wurden alle Versammlungsteilnehmer von Voss fristlos entlassen.
Die Arbeitgeber stellten schwarze Listen auf und wer von den Arbeitern erst einmal darin verzeichnet war, hatte keine Aussicht, wieder Beschäftigung zu finden. Bei der eingeschüchterten Einwohnerschaft war eine öffentliche Werbung für die Gewerkschaft fast unmöglich, obwohl damals schon eine sozialdemokratische Mehrheit in Sarstedt bestand.
1895 wurde das Gehalt des Ratswachtmeisters Krome auf 300 Mark jährlich erhöht.
Die Straßenbeleuchtung bestand 1895 aus 13 eisernen Laternenpfählen und zwölf eisernen Laternenarmen, in denen Petroleumleuchten brannten, die von den Nachtwächtern angezündet und gelöscht werden mußten. In einer Nacht hatten betrunkene Witzbolde sämtliche abnehmbaren Lampen entfernt und dem Polizeiwachtmeister Krome vor das Haus gestellt.
Am 21. August 1896 trat die Straßenbahn Hannover zum ersten Mal an die Stadt Sarstedt mit dem Projekt einer elektrischen Straßenbahn von Hannover nach Hildesheim heran. Es wurde ein Vertragsentwurf überreicht.
Der Landrat erließ am 14. September 1896 eine Polizei-Verordnung über die Umzugstermine bei Wohnungswechseln im Bereich der Stadt Sarstedt.
Unwetter, Hochwasser und Explosion im Kali-Schacht
Am 13. Juli 1904 wurde eine Polizeiverordnung über das Meldewesen erlassen. Im Jahre 1904 wurden alle Arbeiter, die gewerkschaftlich organisiert waren, oder von denen bekannt war, daß sie Mitglied der SPD waren, auf die schwarze Liste gesetzt und bei passender Gelegenheit als erste entlassen.
Am 20. November 1905 wurde eine Polizeiverordnung erlassen, wonach der Wohnungswechsel innerhalb der Stadtgemeinde Sarstedt meldepflichtig ist. Die Unterlassung dieser Meldung wurde mit Geldstrafen bis zu 9 Mark geahndet.
Die Belegschaft der Voss'schen Herdfabrik wurde wegen Teilstreiks und Lohnforderungen ausgesperrt. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurden fünf Gendarmen nach Sarstedt kommandiert.
In dem Teufen befindlichen Sarstedter Kalischacht ereignete sich im Laufe des Jahres 1908 eine ungewöhnlich große Anzahl von tödlich verlaufenen Unfällen, die zu schweren Anklagen gegen die Werksleitung führten. Ein Gewerkschaftssekretär, der die Anklagen in einer öffentlichen Arbeiterversammlung wiederholte, mußte sich vor Gericht verantworten und wurde verurteilt.
Die Zigeunerplage wurde immer größer. Viele Wagen mit raublustigen Zigeunern standen tagelang zwischen den Ostertor-Scheunen. Die Zigeuner mußten von der Polizei zwangsweise über die Kreisgrenze abgeschoben werden.
Der Käsewarenfabrikant J. Preuße stürzte aus dem Fenster der zweiten Etage seines Wohnhauses. Er war sofort tot.
Am 16. Juni 1909 wurde Straßenbahnschaffner Friedrich Krull aus Hannover bei der Stephanus'schen Ziegelei in Sarstedt im Dienst tödlich überfahren.
Der Magistrat veröffentlichte eine Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten über das Verfahren beim Schlachten von Tieren. Am 14. März 1910 verbot der Magistrat durch Bekanntmachung in der Sarstedter Zeitung beim Pflügen das Wenden auf den Straßen und Feldwegen. Übertretungen wurden bestraft.
Der heiße und gewitterreiche Sommer 1910 erreichte seinen Höhepunkt mit einer Unwetter-Katastrophe am 20. Juli. Der heftige Sturm, der dem Gewitter vorausging, richtete sehr großen Schaden an. Zwischen Hannover und Sarstedt waren fast sämtliche Telefonmasten umgeweht.
Vom 4. bis 8. August 1910 führte die Innerste Hochwasser und überschwemmte die Ländereien und einen Teil der Häuser.
Am 18. Oktober 1910 ereignete sich im Untertagebereich des Kaliwerks Siegfried-Giesen eine Dynamit-Explosion, bei der 18 Bergleute den Tod fanden.
Italienische Arbeiter trafen in Sarstedt ein und wurden von der Lübbing'schen Ziegelei eingestellt. Ihr Meister und Landsmann ertrank im Sommer 1911 beim Baden in der Leine.
Der lutherische Kirchenvorstand beschloß die Abschaffung der Selbstmörderecke und die Beerdigung in der Reihe. Die Ladenschlußzeit wurde in Sarstedt einheitlich auf 8 Uhr abends festgesetzt. Bislang waren die Geschäfte noch länger geöffnet gewesen.
Die Polizeiarbeit war immer umfangreicher und schwieriger geworden, so daß der Magistrat dem Ratswachtmeister Krome Anfang 1912 einen zweiten Wachtmeister namens Goßler zur Seite stellte.
Im März 1912 wurde den Ratswachtmeistern Krome und Goßler vom Herren Regierungspräsidenten die Amtsbezeichnung "Polizei-Sergeant" verliehen.
In der Zeit überflogen ein Zeppelin-Militär-Luftschiff und die drei Passagierflugschiffe "Schwaben", "Hansa" und "Königin Luise" die Stadt Sarstedt.
500 Sarstedter zogen mitten aus der Ernte in den Krieg
Auch 1913 hatte man noch recht eigenartige Vorstellungen von Recht und Ordnung. So wurde ein hiesiger Schlosserlehrling vom Schöffengericht mit zwei Strafbefehlen über sechs und neun Mark belegt, weil er zwei Lehrer der Fortbildungsschule nicht gegrüßt hatte.
Minderjährige durften damals nur dann Arbeit bekommen, wenn sie ein amtliches Arbeitsbuch hatten. Das Arbeitsbuch wurde von der Polizeibehörde des letzten Wohnortes innerhalb des Deutschen Reiches kosten- und stempelfrei ausgefertigt, im übrigen von der Polizeibehörde des zuerst erwählten Arbeitsortes.
Die Sarstedter Gendarmen machten sich stets viel Mühe und trieben vor Ausstellung des Buches intensive Ermittlungen über den Leumund des Betroffenen. Schuldige Arbeiter gefährdeten nämlich den Ruf einer Stadt.
Als am 28. Juni 1914 die folgenschweren Schüsse von Sarajewo fielen, feierte man in Sarstedt gerade als Abschluß des Schützenfestes das sogenannte Hirschschießen. Das Leben nahm seinen üblichen Gang und niemand dachte an Krieg. Doch als die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares bekannt geworden war, herrschte auch in Sarstedt allgemein die Ansicht vor, daß diese Mordtat zum Kriege führen müsse.
Am 31. Juli 1914 wurde dann auch in Deutschland der Kriegszustand erklärt. Die Erklärung des Kriegszustandes wurde in Sarstedt durch den damals noch im Dienst befindlichen Ausrufer an verschiedenen Stellen auf den Straßen und Plätzen verlesen. Mit der Klingel in der Hand wurden von diesem Ausrufer auch Befehle des kommandierenden General des X. Armeekorps, von Emmich, bekanntgegeben, wodurch die gesamte vollziehende Gewalt auf die Militärbehörde überging. Auch wurde eine Bekanntmachung über die Schließung von Kriegstrauungen erlassen , womit eine Befreiung von Aufgeboten bei Eheschließungen verbunden war. Von jetzt ab wurden in Sarstedt zahlreiche Kriegstrauungen vorgenommen.
Dann kam am 1. August 1914 die Mobilmachungsorder. Sie wurde nachmittags 5 Uhr bekanntgegeben. Vorher schon dazu bestimmte Männer aus Sarstedt mußten die diesbezüglichen Telegramme vom Postamt Sarstedt aus den verschiedenen Gemeindevorstehern auf den umliegenden Dörfern auf dem schnellsten Wege zustellen.
Erster Mobilmachungstag war der 2. August 1914. Die Nachricht wurde mit tiefster Bestürzung und großem Ernst, aber auch mit heller, vaterländischer Begeisterung aufgenommen.
Wir befanden uns gerade mitten in der Ernte. Das Getreide stand auf den Feldern in Stiegen. Nun aber mußten plötzlich alle wehrfähigen Männer zu den Waffen greifen. Noch am Abend des 1. August verließen schon die ersten Reservisten unsere Stadt, um sich bei ihren Truppenteilen zu stellen.
Der damalige Bürgermeister, der im Alter von 50 Jahren stand, stellte sich Reserveoffizier sofort dem X. Armeekorps zur Verfügung. Bis zum Kriegsende blieb Hauptmann Jacobi unter den Fahnen. Während dieser Zeit war Senator Karl Neuberg sein Vertreter.
Über 500 Sarstedter Männer wurden insgesamt einberufen, und 120 davon sahen ihre Heimatstadt nicht wieder; sie fielen auf dem Schlachtfelde. In den Schulen mußten die Klassen zusammengelegt werden, weil die Lehrkräfte fehlten. In allen Berufen mußten die Frauen mit zur Arbeitsleistung herangezogen werden.
Während der ersten Kriegstage trat in Sarstedt ein empfindlicher Mangel an Klein- und Wechselgeld ein. Alle Einwohner hatten schnell noch größere Einkäufe getätigt. Sie fürchteten eine Warenverknappung und -verteuerung, aber noch waren alle Läden berstend voll mit Waren und Lebensmitteln aller Art. Die Behörde dachte deswegen auch noch nicht an Zwangsrationierung. Die kam erst viel später im Verlauf des Krieges und auch dann nur nach und nach.
Hunger, Not und Tollwutgefahr in Sarstedt
Bald nach Kriegsausbruch trafen in Sarstedt die ersten Gefangenen zur Arbeitsleistung ein. Es waren zuerst Zivilinternierte aus Belgien, später folgten dann auch russische, belgische, englische und französische Kriegsgefangene, die vornehmlich in der hiesigen Kaliindustire, bei den Vosswerken und in der Landwirtschaft zum Arbeitseinsatz kamen.
Am 12. September 1914 wurde eine Polizeiverordnung erlassen, wonach die Quer - und Venedigstraße für den Durchgangsverkehr gesperrt wurden. Nur Anlieger durften die Straßen benutzen.
Im Januar 1915 wurde Sarstedt zweimal kurz hintereinander von Hochwasser heimgesucht. Die Innerste trat über die Ufer und überflutete die Felder und den tiefer liegenden Teil der Stadt.
Das Verfüttern von Roggen, Weizen und Hafer wurde verboten.
Es wurden Höchstpreise für Lebensmittel festgesetzt und ihre Überschreitung unter Strafe gestellt.
In Sarstedt wurde die Brotkarte eingeführt. Brot durfte von Anfang März 1915 ab nur noch auf Marken abgegeben werden. Die tägliche Ration betrug 250 Gramm. Im März 1915 führte die Innerste Hochwasser, wie es in diesem Ausmaße seit 1880 nicht mehr zu verzeichnen war. Viele Häuser und Straßen der Stadt standen unter Wasser. Die katholische Kirche war tagelang von allen Seiten von Hochwasser umgeben; der Verkehr nach Ruthe war unterbrochen.
Auf Antrag der SPD wurde bei Kontrollversammlungen der Wehrpflichtigen erstmalig der Passus nicht mehr verlesen, wonach sozialdemokratische Gesinnung und das Lesen sozialdemokratischer Schriften verboten war.
Am 9. Mai 1915 fand eine Bestandserhebung der Vorräte an Getreide und Mehl statt und am 15. Mai 1915 folgte eine solche der Kartoffeln. Der Magistrat leitete eine Sperlings-Bekämpfungsaktion ein. Für jeden toten Sperling zahlte er eine Prämie von drei Pfennig. Die Firma Voss sen. erhielt große Kriegsaufträge. Da die Lieferungen dringend waren, mußte die Arbeitszeit bis acht Uhr abends und sonnabends bis zwölf Uhr nachts ausgedehnt werden.
Der Kleinverkauf von Branntwein wurde verboten.
Ab 1. Juli 1915 wurde die Zusatzbrotkarte für Schwerarbeiter eingeführt. Die Herstellung und der Verkauf von Schlagsahne wurden verboten.
Die Kartoffelernte 1915 fiel sehr reichlich aus. Die Stadt kaufte mehrere Ladungen Mais und verteilte ihn als Viehfutter an die Schweinehalter.
Es kamen neue, aus Eisen geprägte Fünf-Pfennig-Stücke heraus, denen bald solche zu zehn Pfennig folgten. Alle Gegenstände aus Kupfer, Messing und Nickel wurden beschlagnahmt und mußten abgeliefert werden.
Sämtliches Nußbaumholz sowie nicht gefällte Nußbäume wurden beschlagnahmt. Gleichzeitig wurde eine Bestandserhebung durchgeführt. Von den hiesigen Betrieben zugewiesenen Kriegsgefangenen unternahmen verschiedene Lagerinsassen Fluchtversuche, die meist mißglückten.
Es erfolgte eine Beschlagnahme und Bestandserhebung der Fahrradbereifungen. Gleichzeitig wurde der Fahrradverkehr Einschränkungen unterworfen.
Zur Bekämpfung der Überhand nehmenden Felddiebstähle stellte die Stadt zwei Feldhüter ein.
Eicheln und Kastanien wurden beschlagnahmt und mußten an die Sammelstellen abgeliefert werden.
Infolge Futtermangels setzte ein Preissturz für Schweine ein.
Wegen Ausbruchs der Tollwut, die zu einer schweren Gefahr für Menschen und Tiere wurde, mußte die Hundesperre verhängt werden.
Fahnenschmuck für heimkehrende Soldaten
Nach einer schlechten Ernte kam es im Jahr 1915 in Sarstedt zu einem außerordentlichen Kartoffelmangel. Daher mußte die Stadt die Kartoffeltagesration auf ein dreiviertel Pfund herabsetzen. Als Ersatz für Kartoffeln gab sie Steckrüben aus. Für die Verfütterung von Steckrüben an Vieh verhängte sie in diesen Jahren schwere Strafen.
Der Steckrübenwinter 1916/17 brachte wegen der mangelhaften und fettarmen Ernährung viele Krankheiten mit sich. Fleisch gab es nicht, dafür wurde Klippfisch ausgegeben.
Explosion in Vosswerken
Am 4. Juli 1917 kam es in den Vosswerken zu einer Explosion. Anfang 1918 wurde Gendarmeriewachtmeister Hartmann in Sarstedt bei einer Hausdurchsuchung erschlagen. Die Polizei fand seine Leiche verscharrt in einer Kiesgrube. Als Mörder überführte sie den Schlosser Heinrich Alves. Er wurde vom Hildesheimer Schwurgericht zu acht Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm für zehn Jahre aberkannt.
Am 9. November 1918 verzichtete Wilhelm II. auf den Thron. Der Exkaiser begab sich nach Holland. Es begannen Waffenstillstandsverhandlungen, die am 11. November unterzeichnet wurden. In Deutschland brach die Revolution aus. Eine neue Regierung wurde gebildet, in vielen Städten wurden Soldatenräte gegründet.
Die Gremien der Stadt Sarstedt hielten eine Sondersitzung ab. Sie beschlossen, Vertreter aus der Arbeiterschaft zu allen städtischen Angelegenheiten hinzuzuziehen. Der in Sarstedt gebildete Arbeiter- und Soldatenrat erließ eine neue Ordnungsgewalt. Sie umfaßte zehn Punkte. Gleichzeitig forderte er die Bevölkerung auf, die heimkehrenden deutschen Truppen mit Flaggenschmuck zu empfangen.
Am 25. November 1918 erließ auch der Magistrat einen Aufruf an die Bevölkerung, die Truppen bei ihrer Heimkehr von der Westfront festlich zu empfangen und die Häuser mit Fahnen zu schmücken. Unterzeichnet war der Aufruf von Bürgermeister Jacobi und vom Arbeiter- und Soldatenrat.
In der Straßenbahn von Hannover nach Hildesheim nahm die Sarstedter Polizei Schiebern zwei Zentner Weizenmehl und 70 Pfund Wurst ab. Das Schieberwesen war im Jahr 1920 in der Gegend besonders stark verbreitet.
Im Juli 1920 wurde die Bezeichnung "Gendarm" amtlich in "Landjäger" umbenannt.
Den am 15. März 1920 ausgebrochenen Kapp-Putsch beantwortete die Arbeiterschaft mit einem Generalstreik. Das bedeutete schon nach fünf Tagen das Ende für den Putsch. Nun durfte sich nach einer neuen Anordnung nach 10 Uhr abends kein Sarstedter mehr auf den Straßen aufhalten.
Sarstedter demonstrieren
Die Sarstedter Nebe und Herbecke gerieten, als sie für die Sarstedter Einwohnerwehr Waffen aus Hildesheim holen wollten, unterwegs in ein Feuergefecht der Reichswehr. Herbecke wurde vorübergehend festgehalten.
Im September 1920 demonstrierte die Bevölkerung Sarstedts gegen die Ermordung Erzbergers. Im Demonstrationszug sich Schilder mit der Aufschrift "Nieder mit den Schiebern". Auf der alten Schützenwiese stellten sie einen Galgen auf mit der Aufschrift "Für Schieber und Meuchelmörder".
1922 wurde eine Notverordnung erlassen , die Devisenspekulationen entgegenwirken sollten. Der Magistrat ergriff Notstandsmaßnahmen, um das Los der immer zahlreicher werdenden Flüchtlinge zu mildern. Die Industrie spendete Geld, Kohle und Nahrungsmitteln.
Eine Million Mark für die Ergreifung von Obstdieben
Der Tauschhandel kam als Folge der Inflation immer mehr zur Blüte.
Wegen der in Sarstedt herrschenden Lebensmittelknappheit und des besonders starken Fettmangels kam es im August 1923 zu vorübergehender Arbeitsniederlegung und zu einem Demonstrationszug, an dem sich alle Arbeiter der Vosswerke und des Kaliwerks "Glückauf" beteiligten. Eine Kommission erhielt von der Polizei die Erlaubnis, in allen Geschäften die Warenbestände zu überprüfen.
Für die Ermittlung von Obstdieben an den Landstraßen setzte die Kreisverwaltung eine Belohnung von eine Million Mark aus.
Der 21jährige Hermann Müller aus Sarstedt fiel mit seiner Braut vom Geländer der Ruther Leinebrücke hinunter in den Fluß. Beide ertranken.
Anfang 1924 wurden nach Ende der Inflation die städtischen Gebühren und Beiträge auf Goldmark umgestellt.
Am 1. Mai 1924 wurde der Polizei-Sergeant Hermann Krome in den Ruhestand versetzt. Kurze Zeit danach beschließen die städtischen Kollegien, ein Landjägerdoppelhaus zu errichten und dafür einen Bauplatz anzukaufen.
Die Beschädigung der Straßenlampen durch Jugendliche hatte einen solchen Umfang angenommen, daß die ganze Straßenbeleuchtung und die öffentliche Sicherheit gefährdet waren. Das Gaswerk setzte für die Ermittlung der Täter eine Belohnung aus.
Die Polizeistunde wurde auf 12 Uhr nachts festgesetzt.
Nach der Pensionierung des alten Ratswachtmeisters Krome wurde ein neuer Landgendarm in Sarstedt eingeführt. Er hieß Heinrich von Behren und war sehr vornehm. Die Bürger hatten früher immer gesagt: "Use Jandarm kimmt." Das war bei dem vornehmen Herrn von Behren nicht mehr der Fall. Vielmehr sagten die Bürger jetzt: "De Graf stakelt uppe Straten hen, aver bange maken gelt nich, wenn ok dei Dübel sülvest kum."
Aber auch der Herr Polizeihauptwachtmeister Heinrich von Behren gewöhnte sich an die "Sastieschen Börgers" und lebte sich schnell ein.
Leider starb er schon am 12. März 1933 im 48. Lebensjahr. Er wurde mit allen Ehren auf dem hiesigen evangelisch-lutherischen Friedhof beerdigt.
Mit Herrn von Behrendt kam auch der Gendarm Hasselberg nach Sarstedt. Er kam aus dem Oberschlesischen und wurde wegen seiner eigenartigen Mundart schnell bekannt. Man nannte ihn nur den "Pironje aus Oberdrobba", wo die Pilzer wachser mit der langer Stieler.
Die Eisenbahnbrücke über die Innerste wurde zu der Zeit neu gebaut und der Verkehr eingleisig durch die Baustelle geleitet. Jedesmal wenn ein Zug kam, wurde laut getutet. Viele Bürgerbeschwerden gingen seinerzeit bei der Polizei ein.
Am 6. und 7. Juni 1925 fand das erste Gauturnfest des Weser-Leine-Gaues der Deutschen Turner in Sarstedt statt. Der Festzug zählte 1700 Turner mit 70 Fahnen und vier Musikkapellen. Es herrschte reges Leben in der Stadt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun.
Dramatisch verlief der 16. Dezember 1925. Der Leiter der Tierklinik Sarstedt, Dr. H. Dun, verunglückte mit seinem Kraftwagen und wurde tödlich verletzt.
Das neue Jahr begann mit einer Hochwasser-Katastrophe. Das Wasser drang nicht nur in die Keller und Stallungen ein, sondern strömte auf verschiedenen Straßen der Stadt auch in die Wohnungen, die drei Tage unter Wasser standen. Auch die Wintersaaten erlitten schweren Schaden.
Der Magistrat erließ ein Ortsstatut und eine Polizeiverordnung über die Müllabfuhr in der Stadt Sarstedt, mit der am 1. Februar 1926 begonnen wurde.
Hochwasser richten verheerende Schäden an
Im Februar 1926 wurden in Sarstedt zahlreiche Einbruchsdiebstähle ausgeführt. Die Täter wurden ermittelt.
Am 19. März 1926 brannte die Flußbadeanstalt an der Innerste ab. Unter anderem wurden die Umkleidekabinen und neun Ruderboote ein Raub der Flammen.
Ein Gastspiel des Hildesheimer Stadttheaters, das mit großer Reklame für den 3. Juli 1926 in Sarstedt angekündigt war und bei dem 19 Schauspieler mitwirken sollten, konnte nicht stattfinden, weil sich dazu nur fünf Besucher eingefunden hatten.
Infolge anhaltender Niederschläge führte die Innerste Anfang Juli 1926 Hochwasser. Das Getreide stand bis an die Ähren im Wasser. Die Schäden waren beträchtlich. Der 21jährige Dreher Karl Bormann ertrank in den hochgehenden Fluten.
In den ersten Novembertagen wurde einer Sarstedt zum dritten Mal im Jahre 1926 von einer Hochwasser-Katastrophe größten Ausmaßes heimgesucht. Die Feuerwehr mußte alarmiert werden, um Menschen und Vieh vor dem Ertrinken zu retten.
Ein in Sarstedt gastierenden Zirkus wurde überflutet; das große Zelt stürzte in die Wassermassen. Abermals wurde auf Veranlassung von Theodor Klöpper im preußischen Landtag eine Interpellation eingebracht, den Sarstedter Hochwasser-Geschädigten zu helfen.
Die Hochwässer des Jahres 1926 haben in Sarstedt folgende Schäden verursacht: Flurschäden: 65 159 Mark; Häuserschäden: 5725 Mark; sonstige Schäden (Vieh usw.): 2200 Mark, die Schäden an Lagervorräten sind nicht ermittelt worden.
130 Häuser und 26 Scheunen sowie viele Morgen Gärten, Ackerland und Wiese hatten unter Hochwasser gelitten.
Am 9. Februar 1927 war eine stürmische Sitzung der Städtischen Kollegien. Die Gegensätze zwischen links und rechts hatten sich außerordentlich zugespitzt. Anlaß des Streits war das Gehalt des sozialdemokratischen Bürgermeisters. Die Linksparteien setzten sich schließlich aufgrund ihrer Mehrheit durch.
Wenige Tage danach ging die Hinze'sche Scheune gegenüber dem "Mühlenkrug" in Flammen auf und wurde vollkommen vernichtet. Am 2. März 1927 brannte dann die Beckmann'sche Scheune an der Ruther Scheune ab.
In beiden Fällen vermutete man Brandstiftung. Trotz intensiver Ermittlungen konnte die Polizei die Täter aber nicht dingfest machen.
In Hildesheim wurde das neue Kreishaus eingeweiht. Die Stadt Sarstedt stiftete aus diesem Anlaß einen Kronleuchter. Damit wurde die Hoffnung, daß Sarstedt einmal Sitz des Landratsamts werden könnte, endgültig begraben.
Am 23. Mai 1927 genehmigten die städtischen Kollegien in einer dramatischen Sitzung den Bau von vier Benzinzapfstellen.
Das Leben ging weiter und im Juni 1927 gab der Bürgermeister Budschigk zum ersten Male in der Stadtgeschichte einen ausführlichen Verwaltungsbericht heraus, der in der "Sarstedter Zeitung" veröffentlicht wurde.
Die städtischen Kollegien beschlossen die Errichtung eines Obdachlosen-Asyls als Anbau an das Armenhaus in der Wiesenstraße. Die Kosten beliefen sich auf 12 000 Mark.
Für die Beamten gab es im ganzen Reich eine Gehaltserhöhung. Den Magistratsbeamten und -angestellten wurden ihre geleisteten Überstunden vergütet.
1929 war ganz Sarstedt eine Tempo-15-Zone
Die häßlichen, das Stadtbild verschandelnden hölzernen Leitungsmasten auf der Stein- und Holztorstraße wurden 1928 entfernt und die Stromleitungen an den Häusern befestigt.
Die Vosswerke bauten den ersten Kochherd mit Ölfeuerung. Die hiesigen Vosswerke erhielten Aufträge zur Lieferung von elektrischen Kochanlagen für den 46 00 Bruttoregistertonnen-Dampfer "Bremen" des Norddeutschen Lloyd.
Die Sarstedter Dachsteinfabrik Otto Gott GmbH nahm eine Drahtseilbahn in Betrieb, die den Ton von den Gruben auf dem Moorberg zu beiden Sarstedter Werken befördert. Der Bau der Anlage hatte im Frühjahr begonnen.
Die Bahn hatte eine Länge von 3350 Meter und bestand aus einer in der Tongrube errichteten Anfangsstation, einer Winkelstation, einer auf Werk I erbauten Kippstation zum Entleeren der für dieses Werk bestimmten Loren und der auf Werk II errichteten Endstation. Sie überquerte die Kipphutstraße, die Straßenbahn und die Betonstraße sowie die Kreisstraße.
Die Verkehrswege waren durch hölzerne Brücken gesichert, über der Reichseisenbahn wurde eine eiserne Schutzbrücke errichtet.
Die Anlage dieser Bahn war in verkehrstechnischer Beziehung für die Stadt wie auch für den Kreis recht wertvoll. Vorher mußten zehn Gespanne täglich sechsmal die Kreisstraße benutzen.
Im Februar 1929 begann eine langanhaltende starke Kälteperiode. In Sarstedt wurden 25 Grad unter Null gemessen. Innerste und Leine waren zugefroren. Die Eisdecke war 60 Zentimeter dick. Starke Schneefälle lähmten den Verkehr; die Straßenbahn lag wochenlang still.
Die städtischen Kollegien beschlossen in ihrer Sitzung vom 12. Oktober 1929 beim Staatsministerium die Stadtwerdung unseres Ortes zu beantragen.
Die beantragte Stadtwerdung Sarstedts wurde vom Ministerium genehmigt. Sarstedt erhielt städtische Verfassung mit eigener Polizeiverwaltung.
In der Sondersitzung des Magistrats und des Bürgervorsteher-Kollegiums vom 1. Juli 1930 stand als einzigster Punkt das Projekt der Innerste-Regulierung auf der Tagesordnung.
Regierungs-Baurat Waßmann vom Kulturbauamt Hildesheim hielt einen zweistündigen Vortrag über die technische Seite des Projekts.
Bürgermeister Budschigk beleuchtete anschließend die finanzielle Seite und gab bekannt, daß das Regulierungs-Projekt der Innerste von der Bruchgraben-Mündung bis zur Mündung in die Leine einen Kostenaufwand von 1 250 000 Mark erfordere. Staat und Provinz zahlen hierzu 50 Prozent an Zuschüssen. 220 000 Mark seien bereits überwiesen.
Die Arbeiten sollten im Form der produktiven Erwerbslosenfürsorge durchgeführt werden.
Obwohl sich ganz besonders der Kreistagsabgeordnete Theodor Klöpper, der schon seit Jahren in nie erlahmender Tätigkeit für die Innerste-Regulierung eingetreten war, für die Ausführung des Projekts aussprach, kam es nicht zu einem bindenden Beschluß.
Am 11. Februar 1930 wurde durch ein Großfeuer die Baxmann'sche Dampfmühle eingeäschert. Der Brandschaden betrug 300 000 Mark. Man vermutete Brandstiftung, die aber nicht nachgewiesen werden konnte. Wenige Tage vor dem Brand war die Firma insolvent geworden. Die Brandruinen mußten wegen Einsturzgefahr von Pionieren gesprengt werden.
Eine Polizeiverordnung setzte die Höchstgeschwindigkeit für alle Fahrzeuge auf den Straßen der Stadt auf 15 Kilometer pro Stunde fest.
Beim Terror der Nazis sahen die Polizisten weg
In Sarstedt wurden wiederholt Haussuchungen nach Waffen vorgenommen, die ergebnislos verliefen. Am 25. März 1933 wurde Bürgermeister Budschigk seines Amtes erhoben. Wasserwerksmeister Herbecke wurde verhaftet, gleichfalls wurden sieben Mitglieder der KPD verhaftet, drei weitere konnten sich der Verhaftung durch die Flucht entziehen. Kommissarischer Bürgermeister wurde Felix Kopprasch aus Hannover-Linden.
Der festgenommene ehemalige Bürgermeister Budschigk wurde in Pantoffeln von Nationalsozialisten durch die Straßen der Stadt getrieben. Man hatte ihm ein Schild um den Hals gehängt. Darauf stand: "Ich bin ein Schwein". Die Polizeibeamten waren äußerst zaghaft und schritten nicht ein.
Die Einwohnerzahl der Stadt betrug am 1. April 1933 5472 Seelen. Die Stelle des Bürgermeisters wurde öffentlich ausgeschrieben. Zum neuen Bürgermeister wurde von 43 Bewerbern Friedrich Niemann aus Hannover-Linden gewählt. Der Sarstedter Polizeibeamte Schmidt, ein linksstehender SPD-Mann, war verschärftem Druck durch die Nazis ausgesetzt. Er wurde nach Hamburg versetzt und erhängte sich dort.
Der Bauer Karl Weber wurde im Januar 1934 zum Ortsbauernführer von Sarstedt ernannt. Am 21. März 1934, dem Tage des Beginns der Arbeitsschlacht, wurde mit der Innerste-Regulierung in Anwesenheit des Regierungspräsidenten begonnen. Sarstedt war frei von Arbeitslosen, die letzten 150 Erwerbslosen bekamen eine Stelle.
Am 7. Mai 1934 ging zwischen 14 und 15 Uhr ein Wolkenbruch nieder. Kesselhaus und Eisengießerei der Vosswerke wurden überflutet und mußten durch Motorspritzen wieder leergepumpt werden. Durch Blitzschlag wurde die Stromversorgung der Stadt für fünf Stunden unterbrochen.
Die Vosswerke bauten 52 Großkessel mit je 1500 Liter Fassungsvermögen für die Speisung der Teilnehmer am Nürnberger Parteitag. Fünf Sarstedter wurden vom Schwurgericht Hannover wegen Hochverrats zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt. Sie hatten illegale Schriften verbreitet.
Der Polizeibeamte Hollemann wurde nach Sarstedt versetzt. Bei der Verfolgung von Gegnern des Nationalsozialismus tat sich der Polizeibeamte Heidorn hervor. Er war der Gestapoverbindungsmann. Die Leute fürchteten ihn sehr und nannten ihn hinter vorgehaltener Hand "Raubritter aus Sarstedt".
Der Albert Burlitt aus Sarstedt leistete sich zu der Zeit ein dreistes Stück. Er stellte sich in der Gaststätte Wullekopf auf den Tisch und sang die "Internationale". Daraufhin wurde er drei Tage von der Polizei und der Gestapo gesucht und gejagt. Am dritten Tag sah er keinen Ausweg mehr und erhängte sich.
Der Gummiknüppel wurde abgeschafft. Die Polizisten mußten ihre Knüppel auf Grund einer Verfügung des preußischen Innenministers abliefern. Am 30. Januar 1935 wurde eine neue Reichsgemeinde-Ordnung erlassen, wodurch das Verfassungs-Statut der Stadt außer Kraft trat. Die Polizei führte Verkehrsunterricht für Schulkinder durch.
Feuer, Seuchen und technische Neuerungen
Auf dem Gelände der in Abbruch befindlichen Sarstedter Zuckerfabrik, wurden Skelettfunde gemacht. Es handelte sich um Soldatengräber aus dem 30jährigen Krieg. Das Provinzial-Museum in Hannover ließ unter Leitung von Dr. Schroller Grabungen vornehmen, wobei ein alter Brunnen freigelegt und eine Silbermünze aus der Zeit von 1320 bis 1323 gefunden wurde. Ferner wurden geborgen: Knochen von Pferden, Rindern und Schweinen, eine Hirschstange und ein Spinnenwirbel.
Die Stadtgemeinde Sarstedt gab eine neue Hauptsatzung, die am 14. Januar 1936 in Kraft trat. Danach wurde der Bürgermeister hauptamtlich eingestellt. Ihm zur Seite standen zwei ehrenamtliche Stadträte und neun Ratsherren.
Ab 1. Mai 1936 erhielt jedes junge Ehepaar bei der Trauung vom Standesbeamten Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" und ein Zeitungsabonnement für einen Monat gratis.
Ab 18. Mai 1937 wurde ein Straßenbahnschnellverkehr von Hannover über Sarstedt nach Hildesheim eingerichtet. Der Eilzug brauchte 59 Minuten Fahrzeit für die 30 Kilometer lange Strecke.
Im Dezember 1937 wurden zu Versuchszwecken vier elektrische Bogenlampen mit Natriumdampflicht für die Straßenbeleuchtung in Betrieb genommen.
Am 26. Februar 1938 wurde die Germania-Ofenfabrik der hiesigen Vosswerke durch Großfeuer vernichtet. Der Sachschaden belief sich auf über 300 000 Reichsmark. Alle Sarstedter Polizeibeamten waren im Einsatz.
In Sarstedt brach im März 1938 die Maul- und Klauenseuche unter den Rindviehbeständen aus, die von Frankreich eingeschleppt war und sich über ganz Deutschland verbreitete.
Am 22. Juni 1938 passierten die internationalen Radrennfahrer auf ihrer Deutschlandfahrt den Kipphut.
Am 17. August 1938 trat in der Innerste ein Fischsterben auf, wobei viele tausend Fische verendeten. Die Polizei versuchte mehrere Tage, den Verursacher zu erwischen.
Am 9. August 1938 wurde durch einen furchtbaren Unfall die Witwe E. Weber lebendig verbrannt.
In das von der Stadt Sarstedt angelegte goldene Buch trug sich 1938 als erster der Gauleiter-Stellvertreter Schmalz ein.
Der italienische Minister Roberto Farinacci stattete am 14. September 1938 seinen Landsleuten in Ruthe und Ahrbergen einen Besuch ab. Der Minister durchfuhr mit seinem Kraftwagen unsere Stadt.
Am Kipphut begannen 1939 die Arbeiten zur Beseitigung der Kurven und zur Begradigung der Reichsstraße 6 über den Kipphut.
Der von Sarstedt entlang der Straßenbahn führende Gemeindeweg nach Heisede wurde landstraßenmäßig ausgebaut und mit einer fünf Meter breiten Betondecke versehen. Die Kosten beliefen sich auf rund 125 000 Reichsmark.
Am 27. August 1939 wurden das Markensystem und die Bezugsscheinpflicht eingeführt. In Sarstedt wurde die Verteilung der ersten Lebensmittelkarten von 100 Amtsverwaltern der DAF vorgenommen.
Das Abhören ausländischer Sender wurde verboten. Am 1. September 1939, 5.45 Uhr morgens, begann der zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen.
Die Sarstedter Wehrpflichtigen erhielten Einberufungsorder. Der Ausbruch des Krieges ließ keine vaterländische Begeisterung aufkommen, sondern man sah überall nur tiefernste Gesichter. In Sarstedt wurde eine Bäckereikompanie aufgestellt und verladen.
Ab 1. September 1939 wurde die völlige Verdunkelung eingeführt.
Presse im Würgegriff: Nazis verbieten Zeitung
Die Einhaltung der Verdunkelungsmaßnahmen wurden polizeilich streng überwacht. Noch im September 1939 gelangten 30 Einwohner wegen ungenügender Verdunkelung zur Anzeige.
Ende 1939 bauten die Sarstedter Vosswerke für die NS-Volkswohlfahrt in Berlin die größte Gemeinschaftsküche der Welt, die täglich für 30 000 Menschen warmes Essen zubereiten kann.
Die Verwaltungsarbeit der Stadtgemeinde bezog sich im Jahre 1940 vorwiegend auf die Kriegswirtschaft. An erster Stelle stand die Betreuung der Soldatenfrauen und die damit verbundene Familienunterhalts-Zahlung. Zahlreiche Kriegstrauungen wurden vorgenommen und ebenso viele Anträge auf Ehestandsdarlehen gestellt.
Von besonderer Bedeutung war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmittelkarten, Urlauberkarten und Reisemarken. Noch wichtiger war die Wehrerfassung. Viel Arbeit machten auch Kleiderkarten- und Bezugsscheinausgabe. Rund 1 000 Hausschlachtungsanträge mußten bearbeitet und genehmigt werden.
Neben diesen durch den Krieg verursachten Mehrarbeiten liefen die üblichen Verwaltungs- und Kassenarbeiten sowie die nicht geringen Aufgaben im Sicherheits- und Hilfsdienst. Die Einwohnerschaft selber brachte große Opfer für den Krieg. Sie spendete rund 20 000 Reichsmark für das Rote Kreuz und für das Winterhilfswerk.
Im zweiten Halbjahr 1940 war in Sarstedt sehr oft Fliegeralarm. Englische Flugzeuge flogen ein und warfen Bomben. Dadurch war die Bevölkerung gezwungen, manche Nacht das warme Bett mit den kalten Kellerräumen zu vertauschen.
Im einzelnen meldete der Chronist: Die Polizeistunde wurde von 24 Uhr vorverlegt. Für Jugendliche ein Tanzverbot erlassen.
Im August 1940 wurde in Sarstedt mit der Ausgabe von Gasmasken begonnen, die jeder Träger selbst bezahlen mußte und die nie in benutzt werden brauchten. Die Sarstedter Feuerwehr mußte zu den Löscharbeiten des Haseder Mühlenbrandes herangezogen werden. Die Große Mühle der Gebrüder Engelke in Hasede brannte völlig nieder.
Am 2. Mai 1941 brannte auf dem Hinze'schen Hof die mit Emtevorräten gefüllte Scheune vollständig ab. Die übrigen Gebäude des Hofes konnten gerettet werden. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, daß ein vierjähriges Kind mit Streichhölzern gespielt und die Scheune in Brand gesteckt hatte.
Der Landwirt Ferdinand Leiffert wurde von seinem eigenen Gespann tödlich überfahren.
Die Sarstedter Zeitung mußte ab 1. Juni 1941 auf Anordnung des Reichspropaganda-Ministers Goebbels ihr Erscheinen einstellen.
Die Stadt ließ die Sarstedter Juden in Zusammenarbeit mit der Gestapo aus ihrem Eigentum heraussetzen und in einer Baracke unterbringen. Das bisherige jüdische Besitztum nahmen Stadt und Partei in Benutzung.
Ab November 1942 wurden Verdunkelungssünder mit Stromentzug bestraft.
Zu Weihnachten 1942 erhielten alle Normalverbraucher folgende Sonderzulagen: 500 Gramm Weizenmehl, 200 g 125 g Butter, 62,5 g Käse, 250 g Zucker 125 g Hülsenfrüchte, 125 g Zuckerwaren, 50 g Bohnenkaffee und eine Flasche Trinkbranntwein. Schwerarbeiter erhielten darüber hinaus je eine Flasche Wein.
Das Polenlager sollte 1943 nach einem Beschluß des Gemeinderates öfters polizeilich revidiert werden.
Es wurde darüber Klage geführt, daß die Polen im Lager noch nach 22 Uhr Licht brennen ließen.
Nazis verlegen Ämter und Firmen nach Sarstedt
Im Zuge der vom Gauleiter angeordneten Verlagerung von Behörden und Firmen auf Land wurden von Hannover nach Sarstedt folgende Behörden und Firmen umgesiedelt:
Landesforstamt mit Baracken an den Kipphutweg; Gauleitung und Gaubefehlsstand an den Kipphut und in die Villa Steinberg; Gaufilmestelle in das Haus Schnabel in der Holztorstraße, das Büro in das Cafe Meyer; Bauhof Südhannover-Braunschweig mit Barackenteilen in die Moorberg-Ziegelei; Schuhgroßhandel Naujoks Hannover mit etwa 70 000 Paar Schuhen, die in Kisten verpackt wurden, in eine Halle der Firma Sundermann (kleiner Saal) in der Schliekumer Straße, in den kleinen Saal der Firma Gundelach, zum Schlachtermeister Reinecke in der Steinstraße 20, in das katholisches Pfarramt (Scheune) und in die Moorberg-Ziegelei.
Außerdem zogen von Hannover nach Sarstedt um: Aegidien-Apotheke und Volksfürsorge in das Bahnhofshotel Paulmann; Apotheker Palandt zu Möbel-Steinwede; Sattlerwerkstatt Hölzel in die Tischlerwerkstatt von Konrad&Fleige, Hut-Göbelhoff mit großem Hutlager in ein städtischen Haus in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße; Vosswerke-Verpflegung für Ausländer in den Vereinshaus im Giebelstieg sowie Gummi-Hansen aus Textilien und Gummiwaren in den kleinen Saal von Wullekopf.
Endlich wurden noch zehn Ladungen Möbel für Ausgebombte nach Sarstedt geschafft und in der Turnhalle Weberstraße untergestellt.
Die ganze Verlagerungsaktion ging völlig geheim und unter scharfer polizeilicher Überwachung und nur nachts vor sich, um die Läger vor Plünderungen zu schützen, was auch bis zum Kriegsschluß gelungen ist.
Sarstedt stand im Zeichen des "totalen Krieges". Es waren fast keine Männer mehr in der Heimat. Nur noch ganz wenige UK.-Gestellte (unabkömmlich, Anmerkung der Redaktion) in kriegswichtigen Betrieben, wie den Vosswerken, waren von der Militärdienstpflicht befreit.
Alle Frauen waren durch das Arbeitsamt zu Kriegsbeschäftigungen herangezogen worden. Die Zahl der Ausländer beiderlei Geschlechts, die durch die Hitler-Regierung aus allen europäischen Ländern zur Arbeitsleistung für deutsche Kriegszwecke herangezogen wurden, wurde auch in Sarstedt immer größer. Von acht Einwohnern war einer Ausländer.
Die Luftalarme und Fliegerangriffe wurden immer häufiger. Zum Schutze der Bevölkerung wurden in den verschiedenen Teilen der Stadt 21 öffentliche und 36 private Deckungsgräben angelegt; im Bau waren ferner noch 15 öffentliche und zwei private Deckungsgräben, ferner zwei Bunkerbauten. In der Materialbeschaffung bestanden große Schwierigkeiten. Holz war überhaupt nicht zu haben.
Die laufende Unterbringung von Bombengeschädigten in Sarstedt, deren Zahl mit der Zunahme der Heftigkeit des Luftkrieges immer umfangreicher wurde, machte den hiesigen Dienststellen große Schwierigkeiten. Infolge allgemeiner Nervosität der Bevölkerung, hervorgerufen durch die Aufregungen der ständigen Luftalarme, traten Spannung, Reibungen und Auseinandersetzungen unter der eng zusammenrückenden Bevölkerung - besonders um die gemeinsamen Kochstellen auf.
Eine ständige polizeiliche Überwachung wurde notwendig.
Für die in Sarstedt tätigen Arbeitsmaiden wurde eine Wohnbaracke errichtet. Nach vielen verworfenen Plänen fand die Baracke in dem Park der Villa Steinberg einen schönen Platz.
Personen, die sich dem Arbeitseinsatz zu entziehen versuchten, wurden polizeilich überwacht und erfaßt.
US-Panzer rollen in die zerschossene Stadt
In den letzten Kriegsmonaten geriet das gesamte Wirtschafts- und Zivilleben in Unordnung. Infolge der Tag und Nacht fast pausenlos erfolgenden Luftangriffe wurden die Nerven der Menschen zermürbt. Auch im Verkehrs- und Versorgungsleben traten ernste Stockungen ein. Jeder sehnte den Kriegsschluß herbei.
Als die Amerikaner Anfang April 1945 die Weser erreichten, konnte man in Sarstedt schon den Kanonendonner hören. Die vielen tausend Ausländer, die als Zwangsarbeiter in hiesigen Betrieben während des Krieges beschäftigt waren, wurden unruhig und wollten nicht mehr arbeiten. Sie wußten, daß ihre Befreiung unmittelbar bevorstand.
Anfang April 1945, als die Amerikaner auf ihrem Vormarsch immer näher rückten, wurden die Mehlvorräte der Mühlenwerke Malzfeldt an die Einwohnerschaft verteilt, um bei einer eventuellen Zerstörung der Mühle durch Kriegshandlungen das Mehl zu retten. Am Dienstag, 3. April 1945, wurde zur Sicherstellung der Ernährung verfügt, daß die Lagerbestände an Dauerfleisch und Wurstwaren, Mehl, Schuhwerk usw. ordnungsgemäß, aber ohne Marken verkauft werden durften. Einem höheren Befehl, wonach sämtliche Lagervorräte in die Luft gesprengt werden sollten, wurde nicht Folge geleistet.
Acht Kisten Sprengstoff mit 560 Kilogramm Inhalt wurden am 5. April 1945 auf Befehl der deutschen Wehrmacht unter die Pfeiler der großen Eisenbahnbrücke über die Innerste bei Sarstedt angebracht und zur Sprengung vorbereitet. Sechs Soldaten führten diesen Befehl aus und bewachten die Brücke.
Bei Annäherung des Feindes hatten sie die dem Eisenbahnverkehr auf der Strecke Hannover-Kassel dienende Brücke in die Luft zu jagen.
Diese Sprengung, die den Vormarsch der Amerikaner doch nicht aufgehalten, den Eisenbahnverkehr aber auf lange Zeit stillgelegt und auch alle benachbarten Häuser gefährdet hätte, wurde von dem Eisenbahnsekretär Josef Aselmeyer verhindert. Er entfernte am 7. April 1945 kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner die Sprengladungen und warf die Munitionskisten in die Innerste.
Am 6. April 1945 wurden umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen für die Sarstedter Bevölkerung getroffen.
Um das Leben der Einwohnerschaft vor dem befürchteten Beschuß der Stadt zu sichern, wurden alle Bewohner aus dem Ort herausgeführt. Die Bewohner hielten sich unter freiem Himmel auf, etliche blieben in den Kellern der Häuser zurück. Alle Schriftsätze der NSDAP wurden verbrannt, ebenfalls alle Zeichnungen und Schriftstücke, die bei den Voss-Werken über V-Geschosse und sonstige Geheimwaffen vorhanden waren.
Am 7. April 1945 rückten die Amerikaner in Sarstedt ein, nachdem sie die Stadt vorher stundenlang aus Richtung Jeinsen mit Panzergranaten beschossen hatten und dadurch zahlreiche Brände und Zerstörungen verursachten. Besonders schwer wurden die Post, die Vosswerke, die Schule und Häuser an der Giesener Straße und Jahnstraße getroffen. Mehrere Einwohner erlitten Verwundungen.
Erst als die Amerikaner die Sarstedter Eisenbahnflak zum Schweigen gebracht hatten, trat eine Gefechtspause ein. Es waren aber schon weit über 100 Treffer in Sarstedt erzielt. Von Ruthe her näherten sich die ersten Panzer der Stadt. Um 17 Uhr wurde Sarstedt kampflos übergeben. Die Stadt bot das Bild des totalen Krieges: Trümmer, Schutt und Glasscherben, zerrissene Telefon- und Hochspannungsleitungen, dazwischen herumfahrende amerikanische Panzer, so sah es auf den Straßen in Sarstedt aus.
Eisenbahner Knoke wird in Sarstedt zum Held
Als amerikanische Soldaten am 7. April 1945 in Sarstedt einrückten, blieben die Einwohner verängstigt in ihren Verstecken. Die Chronik berichtet von Plünderungen durch freigelassene Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und Einheimische. Die Bevölkerung war durch die Beschießung eingeschüchtert, mancher Sarstedter verlor die Nerven.
Die amerikanischen Soldaten bezogen Privatquartiere in Sarstedt.
Am 8. April beauftragte die Besatzungsmacht Bürgermeister Niemann, die Amtsgeschäfte vorläufig weiterzuführen. Als Mitarbeiter wurden ihm die Herren Ostmann und Kerkmann zugeteilt. Die Polizeigewalt übernahm Willi Schröder. Er war Betriebsrat der KPD bei den Vosswerken. In den folgenden Tagen wurden Verhandlungen aufgenommen, um weitere Plünderungen zu verhindern.
Mehr als 1000 Sarstedter waren noch nicht aus dem Kriegseinsatz zurückgekehrt.
Mit dem Erscheinen der Amerikaner in Sarstedt war auch in dieser Stadt das Ende des Nationalsozialismus gekommen. Die Amtsträger zogen ihre Uniformen aus und versteckten oder verbrannten sie. Die meisten Amtsträger wurden von der Besatzungsmacht in Haft genommen und mußten mehrere Jahre als Zivilinternierte in Lagern zubringen, bis sie wieder freigelassen und entnazifiziert wurden.
Der letzte Sarstedter Ortsgruppenleiter war den Amerikanern in voller Uniform entgegengegangen und hatte die kampflose Übergabe der Stadt angeboten. Es handelte sich dabei um den Lehrer Fritz Richter.
32 verbrannte und verstümmelte Menschen, 30 zerstörte Eisenbahnwaggons, zerrissene Gleiskörper und hoher Sachschaden an eingestürzten und schwerbeschädigten Wohnhäusern waren die entsetzlichen Folgen, als am 16. Juni 1945 viele tausend Zentner Munition auf dem Bahnhof Sarstedt aus einem abgestellten Zug in die Luft flogen. Der Zug explodierte gerade in dem Augenblick, als auf dem Hauptgleis ein mit Personen besetzter Zug vorbeifuhr, der zerstört wurde und in Brand geriet.
Alle 28 Insassen einschließlich Dienstpersonals fanden den Tod und wurden in einem Massengrab auf dem evangelischen Friedhof in Sarstedt beigesetzt. Der gesamte Sachschaden wurde auf mehrere Millionen Reichsmark geschätzt.
Dem Eisenbahner Knoke und den Beamten des Bahnhofs Sarstedt ist es durch ihr mutiges Eingreifen zu verdanken, daß der Hagel der berstenden Granaten nicht ganz Sarstedt zerstörte. Es gelang ihm, noch einen Teil der mit Munition beladenen Waggons und den Kesselwagen aus dem Gefahrenbereich herauszuziehen und in Sicherheit zu bringen. Ganz Sarstedt mußte vorübergehend evakuiert werden.
Die erste Sitzung der Sarstedter Gemeindevertretung nach dem Kriege und dem Zusammenbruch des dritten Reiches fand am 13. Dezember 1945 statt. Zu dem Stadtparlament gehörten damals die Bürger Heinrich Blume, August Frixen, Fritz Soete, Gustav Lappe, Roland Haustein, Robert K1abes, Willi Alves, Albert Voigt, Emil Wauker, Adolf Mühr, Heinrich Kaune, Jacob Riehl, August Gabel, Friedrich Böllersen, Wilhelm Link, Max Kampe, August Schenkemeyer, Johannes Garre und Wilhelm Wehr. Es war nicht gewählt worden, sondern wurde von der Besatzungsbehörde eingesetzt.
Zum Vorsitzenden der Gemeindevertretung wurde August Gabel gewählt. Erster Beigeordneter war Gustav Lape, zweiter Beigeordneter Friedrich Böllersen.
Im Laufe des Sommers 1945 kamen die Polizeimeister Kurt Fechler, Franz Mach und Polizeioberwachtmeister Dieter Harmening als Verstärkung nach Sarstedt. Gustav Hasselberg war zunächst Leiter der Polizeistation Sarstedt. Am 12. Januar 1946 wurden die Polizeianwärter Gerhard Austelat, Heinz Diesel, Herbert Koch und Hans Willutzki von der Polizeischule Hannover, Welfenplatz, zur Polizeiabteilung Sarstedt versetzt.
Nicht nur Uniformen waren Mangelware
Die Mitglieder des Sarstedter Rates beschäftigten sich am 21. Februar 1946 mit dem ständigen Ansteigen von Diebstählen und anderen Vergehen in der Stadt. Sie waren sich einig, daß die Polizei verstärkt während der Nachtstunden eingesetzt werden sollte.
Bis Kriegsende war die Polizei noch eine kommunale Angelegenheit gewesen, die dem Sarstedter Bürgermeister unterstand. 1946 wurde den Orten diese Zuständigkeit entzogen. Später wurde sie Sache der Bundesländer.
In Sarstedt erhöhte sich mit dieser Umgliederung auch die Zahl der Beamten: 1946 gab es in der Stadt zehn Ordnungshüter.
Untergebracht war die Polizeiabteilung in der sogenannten Eremitage in der Steinstraße. Das alte, stabile, zweistöckige Gebäude hatte vier Räume, die nicht gerade zweckmäßig eingerichtet waren.
Einziger Luxus war damals ein Radiogerät. Mit dem Kriegsmodell konnten die Beamten moderne englische Musik und die Nachrichten des Senders BBC empfangen.
Abteilungskommandant war in diesen Jahren Bezirks-Oberleutnant Schmidt. Ihm unterstanden insgesamt fünf Polizeistationen: in Gleidingen, Wehmingen, Algermissen, Barnten und in Sarstedt.
In Sarstedt bildete er zwei Dienstschichten, die im Wechsel 24stündigen Dienst leisteten. Der Sarstedter Abteilung standen zwei Dienstfahrräder zur Verfügung. Außerdem hatte jeder Beamte einen Holzknüppel.
Auf der Wache gab es auch zwei Karabiner. Wenn die Beamten auf Streife durch die Stadt gingen, nahmen sie die Waffen mit. In der übrigen Zeit wurden diese in einem Verschlag hinter dem Sitz des Wachhabenden mit einer dicken Kette angeschlossen.
Einige Polizisten hatten jedoch zusätzlich zur Selbstverteidigung eine Pistole in der Hosentasche. Das war in der Nachkriegszeit nicht ungefährlich. Auf unbefugten Waffenbesitz stand die Todesstrafe. So mußten die Sarstedter Beamten aufpassen, daß die Besatzer ihre Pistolen nicht entdeckten.
Uniformen waren in diesen Tagen Mangelware. Die Beamten mußten in den Wochen nach dem Krieg in Zivil oder in alten Wehrmachtsuniformen ihren Dienst versehen. Eine weiße Armbinde mit Stempel und der Aufschrift "MG Police" wies sie damals als Polizisten aus. Dazu trugen die Ordnungshüter eine grüne Mütze mit schwarz-weißer Kokarde.
Erst nach und nach bekamen die Beamten eine grüne Polizeiuniform mit braunem Koppel. Dazu gehörten auch Stiefelhosen mit Ledergamaschen. Letztere wurden später auch "Peitschengamaschen" genannt. Die Bezeichnung entstand, weil sie sich durch eine Stahlvorrichtung schnell schließen liessen.
Untergebracht waren die Polizisten in dieser Zeit bei Privatpersonen. Angebote gab es genug: Viele Sarstedter waren froh, einen einquartierten Beamten im Haus zu haben, der nebenbei kostenlos das Eigentum schützte.
Auch Bürgermeister Kerkmann, der nun ja nicht mehr Chef der Polizei war, nahm die Beamten wohlwollend auf.
Diese erhielten zur Verpflegung Lebensmittelkarten für Schwerarbeiter. Gelegentlich bekamen sie auch zusätzliche Bezugsscheine, zum Beispiel für einen Fahrradschlauch.
Das Gehalt der Polizisten war damals eher spartanisch. Der Anwärter erhielt monatlich 95 Reichsmark, elf Reichsmark Wohnungsgeldzuschlag, außerdem einen Unterschiedbetrag und eine monatliche Pauschalvergütung. Insgesamt kamen sie auf 185 Reichsmark. Das entsprach damals einem Schwarzmarktwert von knapp zwei Päckchen Zigaretten. "Man mußte schon ein Idealist sein", kommentiert der Verfasser der Polizeichronik.
Nach Kriegsende blühte der Schwarzhandel
Dem Polizeikommandanten des Kreises Hildesheim-Marienburg, Hauptmann Jandt, Hildesheim, Kaiser-Friedrich-Straße 20, unterstanden die Dienstabteilungen des Kreises. Chef der Polizei im Polizeibezirk Hildesheim war der Major Leiste. Die Aufgaben der Militärregierung - Military Goverment Det 117 - nahm der P.S.O. Goshin (cap.) wahr. Mit dem jeweiligen P.S.O. ließ sich gut zusammenarbeiten. Der einzelne Polizeibeamte erhielt soweit bekannt immer Unterstützung.
Jeder Polizeibeamte der Polizeiabteilung Sarstedt wurde mehrere Male entnazifiziert. Die erste Entnazifizierung erfolgte vor der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Am 12. September 1946 erfolgte die Police-Denazification durch das HQ Mil. Gov. RB Hildesheim, 117 HQ CCG, BAOR-Lt. Col. Smith (P.S.O.) Die Kommission wurde wohl von Deutschen gebildet. Sie fragte den Prüfling in kräftigem Ton aus und gab dann den Bescheid: "Sie können im Dienst verbleiben!" Im April 1947 erfolgte eine erneute Entnazifizierung mittels eines zwölfseitigen Fragebogens. Polizeikommissar Austelat stellte einige Fotokopien der damaligen Vordrucke und Schriftstücke zur Verfügung.
Dienstliche Besonderheiten: Die Sarstedter Bevölkerung verhielt sich nach dem Kriege vorwiegend gesetzeskonform, Verordnungen der Militärregierung wurden weitgehend eingehalten. Lediglich die Wirtschaftskriminalität (Schwarzschlachten, Schwarzhandel, Schwarzbrennerei) und das Organisieren von Feuerung, Diebstähle aus der Muna Ahrbergen, gelegentliche Diebstähle von Kleinvieh und und Kartoffeln kamen vor. Mohn wurde zum Beispiel mit Hilfe des mitgeführten Fahrrades auf dem Feld ausgedroschen.und entwendet. Auf abgeernteten Stoppel- und Kartoffelfeldern suchten viele nach Getreide oder Kartoffeln. Zum Schwarzhandel fuhren die Sarstedter nach Hannover und tauschten dort am Hauptbahnhof.
Das Militärgericht in Hildesheim verhängte auch bei geringen Anlässen lange Freizeitstrafen. Das Braunschweiger Militärgericht - zuständig für unbefugten W affenbesitz oder andere damals schwere Delikte - sprach oft die Todesstrafe aus. Ob diese vollstreckt wurde, ist nicht bekannt.
Auf dem Hof der Eremitage (Anbau an der damaligen Gärtnerei Bartels) befand sich das Obdachlosenasyl. Dieses war täglich mit mehreren Heimatlosen belegt und mußte von uns überwacht werden (Registrierung der Personen, Zuweisung der Schlafstellen, Überwachung des ordnungsgemäßen Verlassens usw.).
Für die Zivilbevölkerung bestand nachts Ausgangssperre. Die Einhaltung mußte kontrolliert werden (Doppelstreifen zu Fuß). An der Holztorstraße/Ecke Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße wurde in einer Nacht von einem Engländer ein Zivilist erschossen, weil er auf Anruf nicht stehen blieb. Die Grundstücke der Straßen Wellweg und Friedrich-Ebert-Straße waren von einer britischen Einheit beschlagnahmt und belegt worden. Die Polizei hatte dafür zu sorgen, daß die betroffenen Eigentümer nicht zu ihren Grundstücken gingen.
Sarstedt war 1946 eine der Hauptankunftsstellen für geschlossene Flüchtlingstransporte, meistens aus Schlesien. Die teilweise zu Hunderten zählenden vorwiegend Frauen und Kinder umfassenden Trecks kamen mit ihren letzten Habseligkeiten am Bahnhof an.
Sie wurden in den vorhandenen Schulen und Sälen untergebracht und nach wenigen Tagen oder auch nur Stunden mit Hilfe der hiesigen Polizei in die umliegenden Orte und in die Häuser der Stadt aufgeteilt und dort hineingebracht.
Einschreiten bei der Unterbringung war 1946 nur selten notwendig. Hauptsächlich wurden durch die Sarstedter Polizeibeamten Sicherheitsaufgaben wahrgenommen.
Sarstedt wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten
In der Sarstedter Post waren noch mehrere Männer vom Objektschutz stationiert. Der Objektschutz war bewaffnet und bewachte die lebensnotwendigen Betriebe.
Der Straßenverkehr war minimal. Auf den Straßen fuhren Pferdegespanne und Radfahrer. Deutsche Kraftfahrzeuge passierten Sarstedt nur vereinzelt. Diese waren mit einem großen "F"-Schild versehen (eine Art Zulassung). Die Polizei führte die dienstlichen Fahrten nach Hildesheim mit der Straßenbahn durch, die ausnahmslos überfüllt war. Auf Feldern konnte konnte man Ochsengespanne sehen.
Den englischen Soldaten war es verboten, sich mit der Bevelkerung zu fraternisieren. Die englische MP ging sehr rigoros gegen sich vorbeibenehmende Soldaten vor.
Die wenigen Gastwirtschaften (Ratskeller, Rosin, Wullekopf) waren überfüllt, hauptsächlich wegen der einfachen Mittagstische auf Marken. Sonst gab es dort nur rote Süßgetränke zum Verzehr.
Am 10. Dezember 1946 wurde das "Sonderkommando Hoyershausen" unter Hauptmann Eitzinger aufgestellt.
Die Polizeianwärter (auch aus Sarstedt) wurden zu diesem Kommando oder zu Kommandos an der Grenze zur sowjetischen Besatzungszone versetzt.
Das Sonderkommando Hoyershausen schützte die Bevölkerung auf dem flachen Land durch Bekämpfung der polnischen Banden.
In den Monaten Januar-Februar-März des Jahres 1947 herrschte strenge Kälte bis unter minus 20 Grad. Alle Gewässer waren monatelang zugefroren. Es fiel so reichlich Schnee, daß die Straßenbahn Hannover - Hildesheim über vier Wochen wegen Verwehungen nicht verkehren konnte.
Der Schnee lag stellenweise bis zu zwei Meter hoch auf dem Bahnkerper. Die gesamte Industrie und auch die hiesigen Schulen mußten mehrere Wochen wegen der strengen Kälte und wegen Kohlenmangel die Betriebe schließen beziehungsweise den Unterricht ausfallen lassen.
Die Not führte zu vielen Kohlen- und Holzdiebstählen. Die Polizei hatte Dauereinsatz.
Der Rat nahm am 11. Mai 1947 eine Stadtbesichtigung vor. An die Bürgerschaft wurde ein Appell gerichtet, die Stadt sauber zu halten und für die Schuttbeseitigung nur die dazu vorgesehenen Plätze zu benutzen.
Der Selbstschutz sollte unterstützt werden, um den vielen Feld- und Kleintierdiehstählen entgegentreten zu können.
1947 war der trockenste Sommer seit Zeiten. Monatlang fiel kein Regen und bis spät in den Herbst hielten die Trockenheit und die große Hitze an. Das städtische Leitungswasser mußte bis Weihnachten 1947 rationiert werden und war ungekocht ohne Gefahr nicht genießbar.
Erst kurz vor Weihnachten setzten ergiebige Regenfälle ein, die zur Folge hatten, daß Leine und Innerste zwischen Weihnachten und Neujahr Hochwasser führten.



